Wer auf dem Pilgerweg „Hoch und Heilig“ unterwegs ist, sucht meist mehr als nur den nächsten Wegweiser. Zwischen den Gipfeln Osttirols, alten Kirchenmauern und langen Anstiegen entsteht Raum für Gedanken, Erinnerungen und Geschichten. Manche davon sind Jahrhunderte alt – und doch erstaunlich nah an der Gegenwart. Eine dieser Geschichten handelt von Maria Magdalena: Seit Jahrhunderten blickt sie von einem gotischen Altarretabel in der Kirche St. Korbinian bei Lavant auf die Menschen herab. Nun hat sie eine neue Stimme erhalten.
Im Rahmen eines grenzüberschreitenden Interreg-Projekts wurde ihre Geschichte als Animationsfilm aufbereitet und entlang des Pilgerweges „Hoch und Heilig“ als digitaler Erlebnispunkt zugänglich gemacht. Die Premiere des Films wurde Ende Mai in Matrei, Thal-Assling und Heinfels gefeiert. Damit fand ein Projekt seinen Abschluss, das historische Inhalte auf zeitgemäße Weise vermitteln möchte. Dabei geht es nicht nur um Kunstgeschichte. Es geht auch um die Frage, warum bestimmte Figuren Generationen überdauern.
Geschichten zwischen Himmel und Erde
„Maria Magdalena ist eine Frau mit vielen Rollen – in jedem Fall eine beeindruckende Persönlichkeit, die sich nicht von den Umständen ihrer Zeit abbringen hat lassen, wirklich dem zu folgen, wohin ihr Herz sie geführt hat“, sagt die Seelsorgerin und Autorin Maria Radziwon. Für sie sei Maria Magdalena „so etwas wie eine Wegbegleiterin und Ermutigerin in den Höhen und Tiefen des Lebens“. Höhen und Tiefen prägen auch den Bergpilgerweg „Hoch und Heilig“. Seit seiner Eröffnung im Jahr 2018 verbindet er auf neun Etappen Lavant mit Heiligenblut. Naturerlebnis, Spiritualität und Kulturgeschichte gehen dabei Hand in Hand.
Gerade die erste Etappe von Lavant nach St. Korbinian soll nun noch stärker Menschen ansprechen, die sich Zeit nehmen möchten, genauer hinzuschauen. „Auf dem sportlich herausfordernden Pilgerweg war es wichtig, diese erste familienfreundliche Etappe um ein Angebot für alle Generationen zu erweitern“, erklärt Monika Reindl vom Bildungshaus Osttirol. Denn vieles von dem, was entlang des Weges verborgen liegt, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Die Kirche St. Korbinian beherbergt drei gotische Flügelaltäre von hoher kunsthistorischer Bedeutung. Doch ihre Schätze bleiben oft hinter verschlossenen Türen.
Wenn Grenzen verschwinden
Genau hier setzt die digitale Erweiterung an. Über das Smartphone können Pilgerinnen und Pilger direkt vor Ort die Geschichte des Altars und seiner Figuren entdecken. Diözesankonservator Stefan Schöch verweist darauf, dass die Kirche nur nach Voranmeldung zugänglich ist und die wertvollen Kunstwerke zusätzlich geschützt werden müssen. Der Film eröffnet daher einen neuen Zugang zu einem Kulturerbe, das sonst vielen verborgen bleibt. Für Angelika Stegmayr, Leiterin von BILDUNG.gestalten, steht hinter dem Projekt noch ein weiterer Gedanke: „Wenn Grenzen im Kopf fallen, wird echte Zusammenarbeit möglich.“
Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieser Geschichte. Nicht die Technik steht im Mittelpunkt, sondern die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Zwischen Menschen verschiedener Regionen. Zwischen einem jahrhundertealten Kunstwerk und jenen, die heute daran vorbeigehen. Wer den Pilgerweg beschreitet, begegnet also nicht nur Bergen, Kapellen und Wegkreuzen. Mit etwas Glück begegnet er auch einer Frau, deren Geschichte seit Jahrhunderten weitererzählt wird – und die nun auf neue Weise den Weg begleitet.