Seit der Inbetriebnahme der Koralmbahn verkehren auf der 130 Kilometer langen Strecke zwischen Graz und Klagenfurt auch Züge mit Geschwindigkeiten von über 200 km/h. „Die Hochgeschwindigkeitszüge hören sich wie Flugzeuge an“, klagt Silvo Kumer von der Bürgerinitiative Moos über die von den gefühlt alle zehn Minuten in beide Richtungen fahrenden Garnituren verursachten Erschütterungen. Der 63-Jährige, der der Sprecher der bereits seit dem Jahr 1992 bestehenden Bürgerinitiative ist, lebt in der knapp 200 Einwohner zählenden Bleiburger Ortschaft Moos/Blato, die rund 800 Meter südlich von der neu errichteten Koralmbahntrasse liegt.
Aufgrund der höheren Lage am Fuße des Libitsch, der den Schall wie ein Echo zurückwirft, bekommt sein Cousin Franz Kumer (61) vom Lärm der schnellen Züge noch mehr ab – besonders wenn er mit seiner Familie im Freien sitzt. „Das ist furchtbar – wie auf einer Ratterbahn“, beschreibt er seine persönliche Wahrnehmung.
Neben einigen schneller fahrenden Personenzügen der ÖBB seien laut den Anrainern vor allem nächtliche Güterzüge wegen ihrer hohen Lärmbelastung über die erlaubten 55 Dezibel besonders problematisch. „Die im Bereich von Moos vorgesehene Aufforstung als Lärmschutzmaßnahme funktioniert nämlich auch nicht wie geplant“, sagt Silvo Kumer, während er bei einem Lokalaugenschein mit der Kleinen Zeitung auf die noch eher niedrigen Bäumchen südlich der Bahntrasse zeigt. Als Konsequenz pocht die Bürgerinitiative, die in den 1990er-Jahren im UVP-Verfahren für den gegenständlichen Abschnitt der Koralmbahntrasse formell auch gesetzliche Parteistellung hatte, auf die Einhaltung der Auflagen im Bescheid aus dem Jahr 2008. „Aus unserer Sicht hält sich die ÖBB nämlich nicht daran“, behauptet der Sprecher der Bürgerinitiative, der auch kritisiert, dass bislang keine belastbare Messdaten vorliegen würden.
ÖBB kündigen Lärmmessungen an
Der Betrieb der Koralmbahn erfolge auf Basis eines rechtskräftigen Betriebsbewilligungsbescheides, in dem auch Umweltthemen umfangreich überprüft wurden, heißt es dazu vonseiten der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). „Zum Schutz der Anrainerinnen und Anrainer wurden Auflagen formuliert, welche die Überprüfung der Wirksamkeit von Lärm- und Erschütterungszielen beinhalten. Auf dieser Grundlage werden noch bis Ende dieses Jahres an behördlich festgelegten und technisch erforderlichen Punkten Lärmmessungen durchgeführt“, sagt ÖBB-Pressesprecherin Rosanna Zernatto-Peschel. Die dabei gewonnenen Messdaten würden als Grundlage für die normierte Erstellung eines Lärmmodells dienen, mit dessen Hilfe die jeweils konkreten Belastungen genau erfasst werden können – abhängig von der Topografie oder der Entfernung.
„Die Ergebnisse basieren daher auf einem durch Richtlinien und Normen festgelegten Prozess und werden anschließend der zuständigen Behörde vorgelegt. Damit wird sichergestellt, dass alle Richt- und Grenzwerte eingehalten werden“, verweist Zernatto-Peschel auf das übliche Vorgehen bei der Inbetriebnahme neuer Eisenbahnstrecken, das auch ein zentraler Bestandteil des Schutzes der Anrainer sei.
Beurteilungspegel versus Schallspitzen
Bei den Grenzwerten würden sich die behördlichen Vorgaben für die Koralmbahn an der Schienenverkehrslärm-Immissionsschutzverordnung (SchIV) orientieren. „Die darin erlaubten Beurteilungspegel liegen bei 65 Dezibel tagsüber von 6 bis 22 Uhr sowie 55 Dezibel nachts von 22 bis 6 Uhr“, erklärt Zernatto-Peschel. „Wichtig dabei ist es, zwischen Beurteilungspegel und einzelnen Schallspitzen zu unterscheiden. Beurteilungspegel beinhalten nicht nur die Höhe des einzelnen Vorbeifahrtspegels, sondern auch die Anzahl und Dauer. Sie berücksichtigen weiter, in welchem Zeitraum – zum Beispiel Tag oder Nacht – die Vorbeifahrten auftreten. So können langfristige Auswirkungen am besten beschrieben werden – im Gegensatz zu kurzfristigen Schallspitzen, die jederzeit und überall auftreten können: heulender Motor, schreiendes Kind, Notbremsung, und so weiter“, fügt sie an. Konkret würde das bedeuten, dass der bei der Vorbeifahrt eines einzelnen Zugs gemessene Schallwert in Dezibel den behördlichen Vorgaben entsprechend selbstverständlich höher als 65 Dezibel tagsüber (beziehungsweise 55 Dezibel nachts) sein dürfe.
Während sich die Geschwindigkeiten der Railjet- und Intercity-Express-Züge der ÖBB im betroffenen Streckenabschnitt bei 180 bis 230 km/h bewegen würden, seien Güterzüge dort in der Regel mit 80 bis 100 km/h unterwegs. „Güterzüge fahren abhängig von der Streckenverfügbarkeit gleichmäßig verteilt über den ganzen Tag. Subjektiv fallen diese aber in der Nacht mehr auf, da keine weiteren Züge unterwegs sind“, sagt die ÖBB-Pressesprecherin.
Generell seien Wahrnehmungen natürlich immer subjektiv – auch wenn es um Lärm und Erschütterung geht. „Die Züge der Westbahn sind nicht so laut“, berichten die Anrainer. Paradoxerweise fahren die aerodynamisch günstiger gestalteten Smile-Hochgeschwindigkeitszüge der Westbahn auf der Koralmbahnstrecke mit bis zu 250 km/h am schnellsten. „Das freut uns, dass wir von den Anrainern trotzdem leiser wahrgenommen werden“, sagt Westbahn-Pressesprecher Ademir Jatic.
Bei den Pflanzen entlang der Bahntrasse würde es sich laut den ÖBB übrigens nicht um einen Lärmschutz handeln. „Dazu gibt es auch keine Auflagen“, klärt Zernatto-Peschel auf. Die Bäumchen würden laut ihr viel mehr den Wildtieren als Leitstruktur bei Querungen dienen.
Problem der Anrainer abgewürgt
In der Zwischenzeit hat sich die Bürgerinitiative auch mit Vertretern der Stadtgemeinde Bleiburg/Pliberk zu einem Gespräch über die weitere gemeinsame Vorgehensweise gegenüber den ÖBB und dem Ministerium getroffen. „Wir werden jetzt einmal die Messungen abwarten“, sagt Bürgermeister Daniel Wrießnig (ÖVP), der nichts davon halte, „gleich gegen die ÖBB“ zu wirbeln. Seine Unterstützung sicherte der Bürgerinitiative Moos auch Vizebürgermeister Dominik Stuck (SPÖ) zu, der selbst in der Ortschaft aufgewachsen ist. „Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Parteistellung der Gemeinde gewahrt wird“, betont Stuck. Auf den „Missstand“ für die betroffenen Anrainer aufmerksam gemacht hat übrigens Gemeinderat Stefan Domej (EL) in der jüngsten Sitzung des Bleiburger Gemeinderates, wo das Thema damals abgewürgt wurde, weil es nicht auf der Tagesordnung stand.