Andreas Raspotnik (43) ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Kärntner mit dem weitestem Arbeitsweg: Rund einen Tag dauert es, bis er von seinem Zuhause in Finkenstein am Faaker See an seinen Arbeitsplatz im nordnorwegischen Bodø gelangt. Dort, nördlich des Polarkreises, wo es im Sommer nicht dunkel wird, leitet er seit dem vergangenen Jahr ein Forschungsinstitut der Nord University.

Der Politikwissenschaftler ist auf die Arktis spezialisiert – eine Region, die durch den Klimawandel und geopolitische Interessen zunehmend in den Fokus rückt. Seine Expertise zu Fragen rund um den hohen Norden ist international gefragt, unter anderem auch bei der Europäischen Kommission. Gleichzeitig bleibt Kärnten sein Lebensmittelpunkt: Seine Frau Katharina und sein vierjähriger Sohn leben in Finkenstein, von wo aus Raspotnik regelmäßig im Home-Office arbeitet.

Dass er einmal Arktis-Experte werden würde, war keineswegs geplant. Nach der Matura an der HAK in Villach führte es Raspotnik als ersten in seiner Familie an die Universität. In Wien studierte er Politikwissenschaft und Geschichte, zunächst ohne konkretes Berufsziel. „Mein Interesse an den Fächern wurde vor allem von der ZIB2 geweckt“, erzählt der 43-Jährige heute schmunzlend. Nebenbei belegte er einen Schwedischkurs und als er von einem Professor über eine freie Erasmus-Stelle in Stockholm erfuhr, war er sofort Feuer und Flamme. Als sich herausstellte, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelte und der freie Platz in Oslo war, war dies für Raspotnik kein Hindernis: „Hauptsache der Norden“.

Fortan prägte „der Norden“ seine akademische Laufbahn: Auf den Masterabschluss in Wien folgte ein weiterer Master im internationalen Seerecht in Tromsø. Anschließend promovierte er zur Rolle der Europäischen Union in der Arktis, seine Dissertation erschien auch als Buch. Seit mehreren Jahren arbeitet Raspotnik in Nordnorwegen. Das Institut, das er heute leitet, beschäftigt sich mit der sozioökonomischen Entwicklung der Region sowie mit der „Arktis-Debatte“. Rund vier Millionen Menschen leben in der Arktis – einer Region, die sich durch den Klimawandel besonders schnell erwärmt. Die Folgen betreffen Meeresspiegel, Wetter und Ökosysteme weltweit. Gleichzeitig wird die Arktis geopolitisch immer bedeutender, da schmelzendes Eis neue Rohstoffe und Handelsrouten zugänglich macht und das Interesse von Staaten wie den USA, Russland und China verstärkt. Ein bekanntes aktuelles Beispiel ist das wiederholt geäußerte Interesse von Donald Trump an Grönland.

Seine Arbeit führt Raspotnik 2025 auch nach Korea zur „Arctic Partnership Week“
Seine Arbeit führt Raspotnik 2025 auch nach Korea zur „Arctic Partnership Week“ © KK/Arctic Partnership Week

Den Widerspruch seiner eigenen Situation spricht Raspotnik offen an: „Dass ich so oft zu meiner Arbeit fliege, in der der Klimawandel so eine große Rolle spielt und ich damit zum Klimawandel beitrage, ist paradox.“ Neben seiner Familie vermisst Raspotnik in Norwegen, „einem Land, dessen Größe man sich als Österreicher nur schwer vorstellen kann“, vor allem die kulinarische Vielfalt Kärntens. Die norwegische Küche beschreibt er als eher schlicht, historisch geprägt von einer langen Phase als armes Land, bevor der Rohstoffreichtum ab den 1980er-Jahren für Wohlstand sorgte. Auf seinem Speiseplan stehen in Norwegen regelmäßig Fischgerichte – etwa Dorsch mit Erbsenpüree oder Makrele in Tomatensauce.

Die Schönheiten Norwegens möchte Raspotnik auch seinem Sohn näherbringen, mit dem er bereits fleißig Norwegisch übt. „Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich für ein paar Wochen von ihm verabschieden muss. Ich bin unendlich froh, dass es meine Frau und die Großeltern gibt, die es mir ermöglichen, meiner Arbeit nachzugehen“, sagt er. Abschließend ergänzt er: „Und auch über die Möglichkeit von Videotelefonaten, durch die ich am Leben hier in Kärnten immer teilhaben kann.“