Gerade erst wurde Ingrid Thurnher für den Rest der Amtsperiode bis 2026 als Ersatz für den zurückgetretenen Roland Weißmann bestellt. Schon wird wieder ein neuer Chef oder eine neue Chefin gesucht: diesmal für die fünfjährige Periode ab 2027. Bewerbungsschluss ist der 28. Mai 2026, die Entscheidung fällt der ORF-Stiftungsrat in seiner regulären Sitzung am 11. Juni.
Wer sich bewirbt, muss liefern: Lebenslauf, Strategiepapier, Motivlage – und ein umfassendes Set an Nachweisen (etwa eines abgeschlossenen Studiums), von Führungserfahrung bis Strafregisterauszug. Letzteres ist übrigens nicht neu, das wurde schon früher gefordert. Gesucht wird keine klassische Medienfigur, sondern eine Mischung aus Manager, Jurist, Stratege und politisch verlässlichem Kommunikator.
Massiver Umbau ist gefordert
Für den ORF will die Politik jemanden, der gleichzeitig den Markt versteht, die Digitalisierung beherrscht und die institutionelle Unabhängigkeit glaubwürdig vertreten kann. Der neue ORF-Chef soll kein Verwalter sein, sondern jemand, der einen starken Umbau moderiert. Er oder sie muss in der Lage sein, das fragile Gleichgewicht zwischen Politik und Redaktion zu halten – und im Zweifel auch Ärger auszuhalten.
Vor allem der Hinweis auf die Digitalisierung ist interessant, fehlte dieser Part doch in der letzten Ausschreibung noch. Die Digitalstrategie rückt ausdrücklich ins Zentrum, Transformation wird nicht mehr mitgedacht, sondern aktiv eingefordert. Gleichzeitig wird die interne Unternehmenskultur stärker betont – Change-Management erscheint nicht als Nebensache, sondern als Kernaufgabe. Auch programmatisch wird nachgeschärft: Neben den allgemeinen Grundsätzen werden nun ausdrücklich die Programmrichtlinien genannt, was den Anspruch an die inhaltliche Steuerung erhöht. Flankiert wird das Ganze durch den Verweis auf die aktualisierte Gesetzeslage 2026, die den Rahmen neu absteckt.
Interessant ist, was zwischen den Zeilen steht. Der künftige Generaldirektor soll nicht nur eine Anstalt führen, sondern auch deren Idee verkörpern: den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gefordert werden ausdrücklich Werte wie Objektivität, Meinungsvielfalt und gesellschaftliche Verantwortung. Nicht als Programmpunkt, sondern als Haltung. Das wirkt für aufmerksame Beobachter weniger wie eine Jobbeschreibung als eine Loyalitätsfrage.
Das Verfahren selbst bleibt dabei typisch österreichisch. Entscheidend ist nicht die Bewerbung, sondern die Nominierung zum Hearing durch ein Mitglied des Stiftungsrats. Ohne politisches oder institutionelles Rückgrat kommt man gar nicht erst in die Auswahl. Das macht diese Ausschreibung auch zu einem politischen Dokument. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die ORF-Mitarbeiter gerade eine neue Social-Media-Kampagne gegen politischen Einfluss auf den ORF gestartet haben – ein bemerkenswerter Parallelslalom von Anspruch und Realität.
Stiftungsräte nehmen Einsicht
Unterdessen hat der ORF damit begonnen, den Stiftungsräten Einsicht in den Compliance-Bericht zu Roland Weißmann zu gewähren. Erste Räte waren bereits vor Ort am Küniglberg, um den Bericht zu lesen. Für Ärger bei manchen sorgte, dass der ORF nicht, wie vom Aufsichtsgremium gefordert, alle vom Rat geforderten Dokumente parat hielt. Die Berichte zu Robert Ziegler, Pius Strobl und Peter Schöber waren am Mittwoch noch nicht zur Einsicht bereit. Letzterer versucht die Einsicht durch Stiftungsratsmitglieder zu verhindern und klagt jetzt den ORF, wie „Der Standard“ berichtet.