Mit der drohenden Rezession steigen auch wieder die Belastungen für die Banken, etwa bei Krediten. Sind Sie in Sorge?
GABRIELE SEMMELROCK-WERZER: Es beschäftigt uns, ob wir die finanzielle Gesundheit unserer Kunden aufrechterhalten können. Es ist keine leichte Phase. Uns geht es so gut wie unseren Kunden. Die Sparquote sinkt, wir haben mehr Privatinsolvenzen. Wir hören von unseren Kundinnen und Kunden – Private, Kleinunternehmer, auch Handwerker –, dass sie sich schwertun. Die Teuerung, die zuerst abstrakt war, kommt an. Dennoch sind die Unternehmen besser aufgestellt als vor der Krise 2008.

Auch die Banken?
Ja, definitiv. Wir haben eine unglaublich schwierige Phase von Minuszinsen gemeistert, bei der Ökonomen vor 20 Jahren gesagt hätten, wenn das eintritt, gibt es keine Bank mehr. Wir haben genug Liquidität, sind effizienter geworden.

Mit der Rückkehr der Zinsen steigt der Gewinn der Banken?
Ja, weil die Negativzinsphase eine extreme Belastung war. Vergessen Sie nicht: Die Österreicher haben seit 2015 zwar Nullzinsen auf ihre Sparbücher bekommen, doch Privatpersonen in Deutschland mussten schon ab 20.000 Euro Einlagen negative Zinsen hinnehmen.

Die Weitergabe von Negativzinsen ist in Österreich gesetzlich untersagt. Der EZB-Leitzins liegt bei 2 Prozent – wann steigen die Sparzinsen?
Die Sparzinsen werden, wie die Kreditzinsen, einmal im Quartal angepasst. Die, die am Leitzins hängen, wurden am 16. 10. angepasst. Wenn Sie ein Sparprodukt haben, sollten Sie jetzt mit ihrem Bankberater reden.

Früher waren Sparzinsen oft auch Verhandlungsmasse. Kommt das wieder?
Ja, die Fragen kommen schon wieder. Wir haben viele Mitarbeiter, für die ist das etwas Neues (lacht). Klar ist, die Sparzinsen müssen immer unter dem Leitzins liegen, wir können das Geld ja nicht teurer einkaufen. Banken sind Unternehmen mit Einkaufs- und Verkaufspreisen.

Banken profitieren jedenfalls von den Zinsanstiegen.
Definitiv. Die Nullzinsphase wurde ja übertüncht von einer atypisch niedrigen Quote an Kreditausfällen. Wir konnten zwei, drei Jahre sogar Risikovorsorgen auflösen, weil es kaum Insolvenzen gab. Die Kreditausfälle werden auch wieder steigen.

Die Banken versuchen seit Jahren, ein Volk von Sparern zu Anlegern zu machen. Geht es jetzt in die Gegenrichtung?
Nein. Wir haben eine historisch extrem hohe Differenz zwischen Leitzins und Inflationsrate. Das Sparbuch ist nicht das richtige Produkt, um Vermögen zu erhalten oder aufzubauen. Dafür muss ich in Wertpapiere.
Für die braucht es gute Nerven, wenn die Kurse fallen.
Ich muss ja nicht voll ins Risiko gehen. Es gibt auch risikoärmere Produkte wie Anleihen mit höherer Rendite.

Ist es nicht so, dass Banken mit Wertpapieren mehr verdienen und sie deshalb promoten?
Da ist nix dran. Am Wertpapier verdienen wir weniger als mit Krediten und Sparen. Der Kunde sieht bei uns ganz genau, was wir verdienen – das gibt es in sonst nirgends.

Wie hoch steigen die Zinsen?
Das hängt davon ab, wie weit die EZB die Wirtschaft einbremsen kann und will. Denn das ist die Folge. Weil der Gaspreis mit der Konjunktur nichts zu tun hat, ist das Mittel der Zinserhöhung diesmal nicht ganz so griffig.

Daher kritisieren viele die EZB für die Zinserhöhungen, weil diese ihr Ziel verfehlten.
Sowohl die Fed als auch die EZB haben zu spät reagiert, um diese Inflation einzudämmen. Dann kam der Krieg dazu und der Gaspreis fuhr durch die Decke. Dagegen kann man nichts machen. Einen Teil der Inflation wird man runterkriegen.

Viele suchten Zuflucht im Betongeld. Ist der Anstieg der Immobilienpreise nun vorbei?
Noch ist die Nachfrage da. Wir haben so viel Geld im Umlauf wie selten zuvor, eine Verknappung von Grund und Boden und globale Interessenten, auch in Kärnten. Coronagetrieben sehen wir, dass auch Immobilien im Mölltal von Menschen aus den Ballungsräumen nachgefragt werden.

Die FMA schiebt leichtfertiger Vergabe von Wohnbaukrediten einen Riegel vor. So müssen 20 Prozent als Eigenkapital vorhanden sein. Ein Fehler?
Die wirkliche Hürde ist die Schuldendienstfähigkeit im Verhältnis zum Einkommen. Denn die Kreditrate darf nur 40 Prozent ausmachen, ein K.-o.-Kriterium für junge Leute. An dieser Schwelle scheitern viele. Es gibt Menschen, die zahlen 1200 Euro Miete, die nur 1000 Euro für einen Kredit zahlen würden – den sie nicht kriegen. Diese Regel muss überarbeitet werden. Die Nachfrage nach Wohnbaukrediten ist vorübergehend massiv eingebrochen.

Ältere Menschen werden bei der Kreditaufnahme diskriminiert. Wann ändert sich das?
Diese Gesetzesvorschrift soll fallen. Es ist richtig, dass die Altersklausel aufgehoben wird. Die Lebensgewohnheiten haben sich geändert.

Sind Stundungen und Laufzeitverlängerungen eine Lösung für Kreditnehmer in Not?
Dass Banken viel regulierter als vor 15 Jahren sind, ist zum Teil richtig, es erschwert aber das tägliche Leben, auch für die Kunden. Bei Stundungen oder Verlängerungen der Laufzeit müssen wir den Kunden als jemanden einstufen, der sich in finanziellen Schwierigkeiten befindet. Das wird dann extra beobachtet. Stundungen, Moratorien und Laufzeitverlängerung sind Notmaßnahmen, die man macht, wenn sie wirklich notwendig sind. Mitunter gibt es gescheitere Maßnahmen, als in den Kreditvertrag einzugreifen – der Kunde muss zu uns kommen.