Zur Person

Rainer Will ist seit 2014 Geschäftsführer des Handelsverbandes und im Board of Directors der europäischen Handelsvereinigung Ecommerce Europe. Rainer Will ist Autor und kommt aus Schladming.

Bei der Frage müssen wir Ursache und (Aus-)Wirkung auseinanderhalten. Die Ursache liegt im jahrzehntelangen Versäumnis der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die fairen Wettbewerb sicherstellen. Die immer stärkere Marktkonzentration im Online-Handel durch digitale Giganten ohne Betriebsstätte in Österreich ist die Bilanz. Amazon ist hier nur die Speerspitze.

Niemand versteht, warum die größten Digitalkonzerne im Schnitt nur 9 Prozent Gewinnsteuern zahlen, während europäische Unternehmen der Old Economy 23 Prozent abliefern. Das Geld fehlt dem Sozialsystem und der Bevölkerung.

Die Steuerschlupflöcher kosten uns in Europa mehr als 100 Mrd. Euro pro Jahr. Amazon hat 2019 in Europa 32 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaftet und dennoch 300 Mio. Euro an Steuergutschrift erhalten. In den letzten 10 Jahren wurden global gar Steuergutschriften von 13,4 Mrd. Dollar geltend gemacht. Wir finanzieren mit unseren Steuergeldern die Expansion des Konzerns zulasten heimischer Händlerinnen und Händler. Aus Konzernsicht wäre es fahrlässig, legale Steuersparkonstrukte nicht zu nutzen, von der Politik ist es aber fahrlässig, diese Steuerkonstrukte jahrzehntelang bestehen zu lassen.

Während Händler mit Betriebsstätte in Österreich einen wahren Hürdenlauf „mit Ritterrüstung“ absolvieren müssen, bewegen sich die Internet-Giganten „frei wie Vögel“. Stationäre Firmen müssen Mietvertragsgebühren, Kammerbeiträge und Lohnnebenkosten zahlen, die in Europa zu den höchsten zählen und sind viel Bürokratie ausgesetzt.
Natürlich muss der Handel auch „mit der Zeit gehen, sonst geht er mit der Zeit“. Es ist jedoch das Missverhältnis im digitalen Raum auch abseits der Steuern offenkundig. Trotz Zollkontrollen und der Abschaffung der 22-Euro-MwSt-Freigrenze bei Paketlieferungen aus Drittstaaten, die Europa Jahr für Jahr 6 Milliarden Euro gekostet hat, gibt es noch keine Plattformhaftung, wenn Fake-Produkte in die EU gelangen oder zu geringe Abfallgebühren bezahlt werden.

Der Amazon-Marktplatz bietet auch Chancen für Klein- und Mittelbetriebe. Es hat aber eine erfolgreiche Wettbewerbsbeschwerde unseres Handelsverbandes gebraucht, damit die Bedingungen für die Händler dort fairer werden. Die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Denn egal wie stark unsere Wirtschaft wächst, die globale Digitalwirtschaft wächst schneller, und zwar außerhalb von Europa. Daher schulden wir es unseren Kindern, zu Ergebnissen in Form von Gesetzen zu kommen, die auch vollzogen werden.

Zur Person

Nikolaus Jilch ist Finanzjournalist und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Thinktank Agenda Austria, wo er auch den Podcast „Eine Frage noch…“ moderiert. Bis 2019 war er bei der Tageszeitung „Die Presse“ tätig.

Amazon (und den Online-Handel generell) gibt es seit den 1990er-Jahren. Das sind mehr als zwei Jahrzehnte, in denen der Einzelhandel nicht verdrängt oder umgebracht wurde. Hat er sich verändert? Natürlich. Ist der Kunde preisbewusster, weil er am Handy vergleichen kann? Ja – und das ist sein gutes Recht.

Aber Amazon ist nur ein Symptom, eine Auswirkung. Die eigentliche Entwicklung ist im Internet zu suchen, in der Digitalisierung. Entscheidet Jeff Bezos sich morgen dazu, Amazon zu schließen, ist für den Einzelhandel nichts gewonnen. Im Gegenteil: Viele heimische Anbieter haben bei Amazon einen neuen, lukrativen Vertriebsweg gefunden.

Erst im April hat Amazon eine Plattform für kleine Unternehmen aus Österreich gestartet, wo Hersteller und Händler vorgestellt werden. Da gibt es viel zu entdecken. Von „nachhaltigen Yoga- & Meditationsprodukten“ aus Wien, über „Kompostierbare Abfall- und Verpackungslösungen“ aus Tirol bis zu „Kompressionsstrümpfen mit Wohlfühlfaktor“ aus Salzburg. Würde es diesen Anbietern besser gehen, wenn sie eigene Online-Shops betreiben müssten? Oder wenn sie teure Lokale in Einkaufsstraßen mieten würden? Auch kleine Händler bieten alles Mögliche über Amazon an und unterbieten sich auf „geizhals.at“ gegenseitig. Gut so.

Trotz allem kann es dem Einzelhandel so schlecht nicht gehen. Jede mittlere Stadt kann inzwischen ästhetisch fragwürdige Einkaufszentren in Autobahnnähe aufweisen, die es mit der Shopping City Süd der 1990er-Jahre aufnehmen könnten. Und selbst Buchhändler, die von Amazon ab Tag eins unter Beschuss genommen wurden, gibt es noch viele. Große, mittlere und kleine.

Es gibt keine Evidenz, dass Amazon den Einzelhandel „umbringen“ würde. Aber selbst wenn es so wäre – dann wäre es eben so. Wenn eines Tages wirklich niemand mehr im Geschäft einkaufen will und alles online abläuft, dann ist das halt so. Der Kunde ist König. Und wir werden das Internet ja nicht mehr abdrehen, oder?

Wer neue Technologien bekämpft, statt sie zu seinem Vorteil zu nutzen, wird langfristig immer untergehen. Zwar kann man sich mithilfe mächtiger Lobbys Zeit kaufen, wie die Taxifahrer es in ihrem aussichtslosen Kampf gegen Uber tun, aber aufhalten lässt sich der Fortschritt ohnehin nicht. Tausende Hersteller und Händler sowie Zehntausende Arbeitnehmer profitieren in Österreich vom Internet und, ja, auch von Amazon. Darüber sollten wir uns freuen, statt aus Angst zu erstarren.