Im vergangenen Jahr hat der Rat der EZB um Präsidentin Christine Lagarde die Zinsen insgesamt viermal auf zuletzt 3,00 Prozent (beim Einlagensatz) gesenkt. Am Donnerstag erfolgte – die erwartete – nächste Senkung um einen Viertelprozentpunkt auf nunmehr 2,75 Prozent. Der Einlagensatz ist der richtungsweisende Zinssatz für die Eurozone. Den Einlagenzins erhalten Banken, wenn sie überschüssiges Kapital bei der EZB parken. Sinkende Zinsen sollen die Kreditvergabe und damit die Konjunktur antreiben. Der Leitzins sinkt ebenso um 25 Basispunkte – auf 2,90 Prozent. Es ist bereits die fünfte Senkung, seit die EZB im vergangenen Juni die Zinswende eingeleitet hat.
Der Beschluss zur Senkung „spiegelt die aktualisierte Beurteilung der Inflationsaussichten, der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission durch den EZB-Rat wider“, so die Begründung seitens der Europäischen Zentralbank.
Dabei hat der Inflationsdruck in der Eurozone zuletzt wieder zugenommen. Im Dezember stieg die Teuerungsrate in der Euro-Zone auf 2,4 Prozent im Vergleich zum Dezember 2023. Es war der dritte Anstieg in Folge. In Österreich lag der Wert bei 2,1 Prozent. „Die Inflation hat sich im Wesentlichen weiterhin im Einklang mit den Projektionen entwickelt und dürfte im laufenden Jahr zum mittelfristigen Zielwert des EZB-Rats von zwei Prozent zurückkehren“, so die Einschätzung der EZB am Donnerstag. Der jüngste Anstieg der Inflation im Euroraum sei erwartet worden, sagte auch Lagarde. Sie hielt auch fest, dass die Konjunktur im Euro-Raum kurzfristig schwach bleibe. Die EZB-Präsidentin verwies aber auch darauf, dass die Voraussetzungen für eine Erholung positiv seien. Neben einem robusten Arbeitsmarkt können die Lohnzuwächse den Konsum und die Konjunktur stärken.
„Aufnahme neuer Kredite vergünstigt sich allmählich“
Viele Ökonomen gehen dennoch davon aus, dass der Zinssatz im Laufe des Jahres schrittweise auf 2,0 Prozent gesenkt wird. „Im Gegensatz zur Fed wird es wohl im Euroraum eine weitere Leitzinssenkung um 25 Basispunkte geben“, so die Volkswirte der deutschen Helaba-Bank. „Wir gehen davon aus, dass der Lockerungsprozess auch nach der heute zu erwartenden Zinssenkung von der EZB noch nicht beendet ist, sondern fortgesetzt wird.“ „Aufgrund der vorangegangenen Zinssenkungen des EZB-Rats vergünstigt sich die Aufnahme neuer Kredite für Unternehmen und private Haushalte allmählich“, wird seitens der Europäischen Zentralbank betont.
Hanno Lorenz, stellvertretender Direktor der Agenda Austria, warnt unterdessen vor zu schnellen Zinssenkungen: „Die überhastete Zinssenkung der EZB könnte nach hinten losgehen, da die Inflation im Jänner wieder ansteigen könnte.“ Das sei nachvollziehbar, um die schwächelnde Wirtschaft zu unterstützen, sei aber zugleich auch riskant, da die Inflation schon einmal unterschätzt wurde. Dass ausgerechnet jene Institute, die die Banken für ihre hohen Gewinne kritisieren, jetzt raschere Zinssenkungen fordern, gleicht einem Treppenwitz. Schließlich war die jahrelange Niedrigzinspolitik mitverantwortlich, dass die Banken Gewinne gemacht haben.“
„Die Zinssenkung um 25 Basispunkte schafft kurzfristig etwas Luft, aber sie kann die strukturellen Probleme in Europa nicht lösen“, mahnt Ulrich Reuter, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV). „Ohne gezielte Reformen für nachhaltiges Wachstum verpufft ihre Wirkung.“
Ein Risiko für Konjunktur und Inflation ist Trumps Drohung, hohe Zölle auf die Importe aus Europa einzuführen. Die EU könnte mit Gegenmaßnahmen reagieren. Besonders betroffen von einem Handelskonflikt wäre wohl die Exportnation Deutschland.
Trumps Zoll-Drohungen als Risiko für Konjunktur und Inflation
Ökonomen hatten mit der erneuten Zinssenkung der EZB gerechnet. Da die große Teuerungswelle im Euroraum vorbei ist, hat die Notenbank mehr Spielraum. Zudem macht ihr die schwache Konjunktur Sorgen. Für heuer sagt die Notenbank nur 1,1 Prozent Wirtschaftswachstum in der Eurozone voraus und für 2026 ein Plus von 1,4 Prozent.
Ein Risiko für Konjunktur und Inflation ist Trumps Drohung, hohe Zölle auf die Importe aus Europa einzuführen. Die EU könnte mit Gegenmaßnahmen reagieren. Höhere US-Zölle auf Waren aus dem Euroraum könnten Einfluss auf die weitere Preisentwicklung im Währungsraum haben, warnte jüngst EZB-Direktorin Isabel Schnabel. Besonders betroffen von einem Handelskonflikt wäre wohl die Exportnation Deutschland.
Lagarde sagte bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Ratssitzung – ohne die USA oder Trump explizit zu erwähnen –, dass ein Mehr an Handelsbarrieren die Unsicherheit über weitere Inflationsentwicklungen im Euro-Raum erhöhen würden.
„Zwei oder drei Schritte sind noch drin“
Im Euroraum laute die Frage nicht, „ob die EZB die Zinsen in diesem Jahr noch weiter senkt, sondern um wie viel“, schreibt Ulrich Kater, Chefvolkswirt bei der Dekabank. „Zwei oder drei Schritte sind noch drin, dann werden sich Zinsen und Inflation wieder vollständig beruhigt haben.“
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht auch im Euroraum Argumente für ein Abwarten: „So hat sich die Inflation ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel deutlich oberhalb des EZB-Ziels von zwei Prozent festgesetzt.“ Außerdem legten die Löhne nach wie vor kräftig zu.