Im ersten Schrecken nehmen die Betroffenen noch gar nicht wahr, was das alles bedeutet. Samstagmorgen legt die linksextremistische „Vulkangruppe“ Feuer an eine Kabelbrücke über den Teltowkanal. Fünf Hochspannungs- und zehn Mittelspannungsleitungen fallen aus. 45.000 Haushalte im Südwesten Berlins sind plötzlich ohne Strom – am Dienstag (6.1.) waren es im Südwesten Berlins weiterhin rund 26.900 Haushalte. Nach Angaben der Polizei waren zudem noch 1.220 Gewerbebetriebe betroffen.
. Ein paar Tage ohne Heizung und ohne Licht kann man durchaus mit Flucht zu Freunden oder gleich in den Urlaub begegnen. Aber dann stehen die Wohnungen leer; und das zieht möglicherweise Diebe und noch schlimmere Bösewichte an.
Doch selbst ohne Kriminelle hat der Anschlag üble Folgen. Betroffen sind ja auch Kliniken, Alten- und Pflegeheime. Dass eine schwer pflegebedürftige 97 Jahre alte Seniorin und ein wenig jüngerer Senior die Nacht auf Sonntag und mehr als den halben folgenden Tag statt im Heim in einer mäßig geheizten Turnhalle in Feldbetten verbringen müssen: Das bringt nicht allein die Angehörigen der beiden gegen den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) auf, die am Sonntag genau diese Turnhalle besuchen. „Es ist untragbar“, zürnt der Sohn der Dame, als Wegner und Spranger an deren Bett treten. Allein mit Tee und ein paar Keksen sei seine Mutter verpflegt worden. Und ihn habe niemand informiert. Für Wegner und Spranger sind das längst nicht die einzigen Vorwürfe. Dass Berlin erst nach fast eineinhalb Tagen eine Großschadenslage ankündigt, die es ermöglicht, dass der Bund Hilfe leistet, vor allem aber die Bundeswehr, die verfassungsgemäß nur mit einem solchen Beschluss im Inland aktiv werden darf: Das macht nicht nur die in ihren Wohnungen Frierenden fassungslos.
Vulkangruppe will Herrschenden den Saft abdrehen
Weniger überrascht das Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“, das von der Berliner Polizei für echt erklärt wird. Die Linksextremisten haben in und um die Hauptstadt schon mehrere Anschläge verübt. 2024 kappten sie etwa die Stromversorgung für das Tesla-Werk in Grünheide südöstlich von Berlin – und auch für tausende Haushalte in der Nähe. „Militante Neujahrsgrüße“ nennt die Vulkangruppe den aktuellen Anschlag. Ihr Motto: „Den Herrschenden den Saft abdrehen.“ Sie wolle „den Raubbau an der Erde stoppen“, für den sie „die Reichen“ verantwortlich macht. Deshalb habe man „in den wohlhabenderen Stadtteilen“ zugeschlagen. Tatsächlich hat der Berliner Südwesten eine vergleichsweise hohe Villendichte – aber auch ganz normale Wohngegenden. „Bei den weniger wohlhabenden Menschen entschuldigen wir uns“, schreibt die Gruppe lapidar.
Der grüne Sicherheitsexperte im Bundestag, Konstantin von Notz, findet, jetzt sei der Generalbundesanwalt am Zug. Da hat der Regierende Wegner längst von „Terrorismus“ gesprochen. In den Sozialen Medien fragt man sich: Wenn schon wenige die Hauptstadt – und damit letztlich die Demokratie – so erschüttern können: Was, wenn sich potentere Gegner Deutschlands ans Werk machen?
In Berlin bereitet man sich auf weitere Anschläge vor
In Baumärkten sind Gaskocher und -kartuschen und Kaminholz ausverkauft. Im Netz teilen Findige ihre Ideen: von den Dosenravioli auf dem teelichtbetriebenen Stövchen bis zum batterieerleuchteten Schneemann, der als Weihnachtsdeko ausgedient hat und nun das Bad (ein bisschen) erhellt. Probleme gibt es an jeder Ecke. In einem Flüchtlingsheim läuft die Sickergrube voll, weil die Pumpe ausfällt. Erst das angerückte Technische Hilfswerk sorgt per Generator dafür, dass die Toiletten wieder benutzt werden. Kirchengemeinden und Bezirksverwaltungen vermitteln per Info-Bord warme Schlafplätze und andere Hilfe.
Gestern Mittag sind gut 15.000 Haushalte wieder am Netz; den anderen 30.000 wird für Donnerstag Strom versprochen. Knapp 20 Schulen verlängern zwangsweise die Weihnachtsferien. Und Wegner besucht die Baustelle am Teltowkanal – und preist Bau- und Strom-Experten für ihren „Rund-um-die-Uhr“-Einsatz. Außerdem zitiert der Regierende die Frage, die er ununterbrochen höre: „Warum dauert das so lange?“ Seine Antwort ist ebenso knapp wie vage: „Die Arbeiten sind komplex.“