Typisch Katze. Kaum aus der Box, schon in sicherer Distanz auf dem Kratzbaum verschanzt. Auch, wenn das alles in der Tierwelt Herberstein in etwas anderen Dimensionen stattfindet. Handelt es sich bei der „Katze“ doch um Karpatenluchs-Männchen „Charly“ – und der Luchs gilt immerhin als größte Wildkatze Europas. Auch besagter „Kratzbaum“ streckt sich so weit in den nebligen Himmel, dass das Tier mit den markanten Pinselohren nur noch zu erahnen ist.
Der Neuzugang aus Bayern ist bereits am Freitag in der Oststeiermark angekommen. Nach einer kurzen Akklimatisierungsphase wurde das acht Monate alte Männchen am Dienstvormittag von Karin Winkler, Geschäftsleitung der Tierwelt Herberstein, der Öffentlichkeit und auch seinem Ehrenpaten Karlheinz Kornhäusl präsentiert.
Von „Charly“ zu „Charly“
Von „Charly“ zu „Charly“, sozusagen. Eine Namensgleichheit, die sich zufällig ergeben hat. „Ich habe ein bisschen recherchiert, wir haben auch ansonsten noch Ähnlichkeiten. Ich höre und sehe zum Beispiel gut. Also noch“, scherzte der Landesrat, der den Luchs von seinem Übergangsquartier in sein neues Gehege entlassen durfte.
Die Ankunft des reinrassigen Karpatenluchs-Männchens mit Stammbaum ist für die Tierwelt Herberstein der erste Schritt im Europäischen Erhaltungsprogramm (EEP). Dabei handelt es sich um ein sogenanntes „Ex situ-Zuchtprogramm“. In Zusammenarbeit mit Zoos werden Karpatenluchse unter besonderen Bedingungen gezüchtet, die später unter anderem in Vorarlberg, Kalkalpen und im Waldviertel ausgewildert werden. Sie sollen für genetische Vielfalt in den Populationen sorgen.
Drastisches Beispiel
Erst Ende Jänner wurde im Nationalpark Kalkalpen Luchs-Männchen „Janus“ im Rahmen des Projekts in die freie Wildbahn entlassen. Wie klein der Genpool derzeit ist, erklärt Reinhard Pichler, Fachtierarzt für Zoo- und Wildtiere in der Tierwelt Herberstein, anhand eines drastischen Beispiels. „Man könnte einem Karpatenluchs die Haut eines anderen transplantieren, ohne dass es zu einer Abstoßungsreaktion kommt.“
Um an dem Programm teilnehmen zu können, muss man als Zoo bestimmte Kriterien erfüllen, wie Karin Winkler von der Geschäftsleitung erklärt. „Man braucht vor allem die Experten und auch die Gehege. Wie sagt man so schön – Hunde haben Besitzer, Katzen Personal – und Charly hat bei uns ganz viel Personal.“
2008 letzter Luchs-Nachwuchs
2008 gab es in der Tierwelt Herberstein das letzte Mal Luchs-Nachwuchs. „In den kommenden drei bis vier Wochen soll das Weibchen kommen“, erklärt Pichler, der die Arbeit mit großen Katzen gewohnt ist. Vor Kurzem erst bekam Löwin Amira einen neuen Hormonstift. Auch Blut wurde abgenommen, um zu entscheiden, wie es bei der Löwen-Zucht weitergehen soll.
Anders sieht es beim Neuzugang aus. Hier würde man sich über rasche Frühlingsgefühle freuen. Liegt die Paarungszeit bei den Luchsen doch im Zeitraum Februar bis April. Nachdem sich das heuer nicht mehr ausgehen wird, wäre also Mai/Juni 2026 Nachwuchs mit Pinselohren möglich. Nachzucht, die wenn alles nach Plan läuft, einmal ausgewildert wird.
Duftmarken der Vorgänger
Zuerst muss sich „Charly“ jedoch erst einmal eingewöhnen. Besonders spannend sind für ihn die Duftmarken, die die Luchsvorgänger „Karlchen“ und „Elsa“, die in das Aufzucht-Gehege der Löwen-Drillinge umgesiedelt sind, hinterlassen haben. Die beiden „Eurasischen Luchse“ (ohne nachvollziehbarem Stammbaum) sollen als Paar an einen anderen Zoo weitervermittelt werden. Unterdessen ist der Neuzugang aber einmal beschäftigt. „Jetzt muss er einmal alles markieren.“