Samstag, Kitzbühel: Um 11.30 Uhr startet die Abfahrt des Jahres. Die Favoriten sind schnell aufgezählt: Alle Schweizer, angeführt von Marco Odermatt und Franjo von Allmen; aber es gibt einige Eidgenossen, die hier schnell sein können. Die Österreicher? Es regiert das Prinzip Hoffnung. Mitunter aber auch der Frust. So wie bei Daniel Hemetsberger. Der 33-Jährige, schon von vielen Verletzungen geplagt, kämpft um seinen Traum. Drei Jahre nach Platz drei in der Abfahrt von Kitzbühel ist der aber scheinbar in weite Ferne gerückt. Ein siebenter Platz steht bisher zu Buche. Das ist nicht das, was sich der Oberösterreicher vorstellt.
Dabei gäbe es Argumente genug: Drei schwere Knieoperationen, im rechten Knie hat er kein Kreuzband, dafür kann er es nicht mehr ganz durchbiegen. Geschieht es beim Rennfahren, „ist das ein Schmerz, so wie wenn dir eine eine auf die Birn haut“, sagt er salopp. Doch er kämpft sich durch, spürt, wenn „der Unterschenkel gehat wird“, wie er sagt, sprich: Wenn sich der Unterschenkel nach vorne schiebt, weil kein Kreuzband ihn fixiert. „Aber ich habe meine Muskulatur so trainiert, dass ich das im Griff habe“, sagt er, „bei mir kann halt auch nichts reißen. Wenn das Schienbein ganz rausgeht, sitze ich halt am Hintern.“
Probleme sind absehbar
Dass Hemetsberger mit seinen vielen Verletzungen noch dabei ist, grenzt an ein Wunder. Ein „Ersatzteil“ (“die Quadrizepssehne rechts“) hat er noch, die will er sich aber aufsparen. Und er unterstreicht: „Ich wünsche keinem, dass er diesen Scheiß hat. Ich werde in zehn, 15 Jahren massive Probleme haben, das ist mir klar.“ Natürlich könnte er sagen, dass er alles beendet, aber: „Dann hätte ich mich zerstört und bin nicht dahingekommen, wo ich hin will – bei einem Sieg.“ Und den verfolgt er weiter. Warum? „Weil ich das, was ich tue, am liebsten mache.“
Natürlich, nach Rennen wie in Wengen und Gröden sei der Frust groß. „Wir trainieren das ganze Jahr, ich habe mich den ganzen Sommer vorbereitet. Du fährst und denkst: Ich hab alles rausgehaut, was ich habe – und du wirst 25. Dafür tu ich mir das Ganze nicht an. Ein Jahr davor war ich Zweiter – da weiß man: Skifahrerisch hat man es drauf. Das Problem ist es, auf den Punkt herzubringen.“ Er unterstreicht, es sinnbildlich zu meinen, wenn er sagt: „Da gehst du aufs Zimmer und fragst dich, ob du dich gleich aufhängen sollst oder später.“ Er tut es nicht. Stattdessen studierte er, analysierte und fand wieder einen Dreh. „Ich probiere es wieder mit Attacke. Und habe etwas gefunden, mit dem ich ein Eck schneller runter komme.“
Aber macht das alles noch Spaß? „Ja. Wenn du im Starthaus stehst, so wie in Wengen und weißt, dass du jetzt diese Piste fahren darfst. Auch hier, auch wenn ich in Kitzbühel noch nie eine Fahrt ohne Schrecksekunde hatte. Es gibt immer irgendwo irgendwas. Aber wenn du im Ziel bist, dann ist da diese Befriedigung, eine der schwersten Strecken im Renntempo bezwungen zu haben. Dieses Wissen, das ist einfach schön, noch mehr, wenn man nicht drei, vier Sekunden hinten ist, sondern die Spitze wenigstens sieht.“ Eines ist ihm aber klar: „Ich fahre nicht, um 20. zu werden. Wir brauchen keine alten Platzhalter. Wenn es so weitergeht, tu ich mir das sicher nicht noch einen Sommer an.“