Der erste Tiefschlag für Österreichs Team kam schon vor dem Start. Vincent Kriechmayr sagte das „Experiment Super-G“ nach dem Einfahren ab, die Schmerzen im Skischuh waren doch zu groß. Und als dann Lukas Feurstein mit Nummer eins im Netz landete und seine Teamkollegen Stefan Babinsky und Daniel Hemetsberger im Ziel bald auf die Plätze verwiesen wurden, musste man damit rechnen, dass der nächste Tiefschlag folgt. Doch dann kam Raphael Haaser – und wie: Der Tiroler, der sich vor einem Monat in Val d‘Isère eine Kreuzbanddehnung zugezogen hatte, wurde mit Fortdauer des Rennens immer schneller. Der Lohn: Platz zwei hinter Marco Odermatt, ganze elf Hundertstelsekunden fehlten zum ersten Weltcupsieg des Maurachers. Als er das Ergebnis sah, sprang er sogar über den eigenen Schatten. „Im Normalfall bin ich der Typ, der die Emotionen nach innen verarbeite. Ich sehe keinen Sinn darin, mich zu freuen, solange das Rennen nicht aus ist.“ Doch diesmal freute er sich, schrie die Erleichterung hinaus und ließ sich von den Fans feiern.
Zu Recht: Denn der Podestplatz im ersten Kitz-Rennen ist für das zuletzt so gescholtene Speed-Team der Österreicher Balsam auf alle Wunden – und immerhin der vierte Podestplatz im fünften Super-G der Saison. Dabei, so scherzte Haaser, war der erste Gedanke im Ziel ein anderer: „Ich hab‘ mir gedacht, dass ich lieber Erster wäre ...“ Doch Haaser konnte auch mit Platz zwei, dem vierten im Super-G seiner Karriere, gut leben. Denn selbst der Start in diesem Rennen war ein Wettlauf mit der Zeit: „Wir haben das Abfahrtstraining relativ bald gestrichen, weil da aus gesundheitlichem Aspekt zu viel auf dem Spiel gestanden wäre.“ Statt Abfahrt fuhr er am Dienstag erstmals Riesentorlauf, legte am Mittwoch beim Einfahren in Kitzbühel die ersten drei Super-G-Läufe nach und entschied erst nach dem Training in Saalbach am Donnerstag, dabei zu sein: „Da habe ich dann gemerkt, dass das Knie auch bei sportlicheren Bedingungen und bei längeren Läufen hält und nicht reagiert. Und das habe ich gebraucht, um Vertrauen zu haben.“
Das Vertrauen setzte er in Speed um: „Ich habe mir nur in den ersten Schwüngen schwer getan, weil ich schon lange nicht mehr solch eine Piste unter den Ski hatte. Aber es ging dann immer besser, vom Hausberg bis ins Ziel war es sehr gut“, sagte Haaser. Er habe nicht gezweifelt: „Ich habe gewusst: Wenn ich so fahre, wie ich es kann, bin ich dabei. Das habe ich auch in Beaver Creek schon gezeigt.“ Er sollte Recht behalten. Und sich so einen Lebenstraum erfüllen: Eine Gams aus Kitzbühel mit nach Hause zu nehmen. Die Freude darüber drückte er aber tendenziell wieder nach innen aus: „Ja, stimmt schon: Das ist mein Heimrennen, ich wohne nur 45 Minuten von hier entfernt.“ Ob die Emotion dann bei der Siegerehrung kommt? „Das kann ich noch nicht sagen. Da war ich ja noch nie“, meinte er und lächelte.
Und selbst, wenn die anderen Österreicher nicht in die Top zehn kamen, gab es zufriedene Gesichter. So wie beim Steirer Stefan Eichberger, der letztlich mit nur 0,85 Sekunden zurück auf Rang 13 landete, nur 0,25 Sekunden fehlten auf die Top 5. Da machte Eichberger im Ziel schon die Stimmung, die Haaser im Normalfall nach innen auslebt: „Ich war einfach glücklich, ich war Zehnter. Die Sonne war noch da, die Stimmung enorm, ich habe jede Sekunde genossen.“ Und zudem habe er umgesetzt, was er sich vorgenommen hatte, trotz der vielen Stürze vor ihm: „Es war solides, stabiles, gutes Skifahren. Ich habe nicht sinnlos riskiert, es gab einige Passagen, die man mit Hirn fahren musste. Dieses Ergebnis gibt Selbstvertrauen für die Abfahrt. Und Raphi? Seine Leistung beim Comeback ist einfach nur geil.“