Im Vorjahr, da hatte Marco Odermatt in der Abfahrt nach der Zieldurchfahrt gejubelt als ob er sich sicher wäre, die Abfahrt gewonnen zu haben. Dann war Cyprien Sarrazin gekommen und die Streif blieb für den aktuell besten Skifahrer der Welt der letzte weiße Fleck auf seiner persönlichen Siegeslandkarte. Am Freitag kam er mit der Nummer acht, der einstigen Lieblingsnummer von Hermann Maier, der das Rennen auch von der Seidlalm aus verfolgte, und war im Ziel wieder der Schnellste. Der Jubel? Verhalten beinahe. Dabei hätte er so richtig loslegen können, denn diesmal reichte es: Der 27-Jährige feierte seinen ersten Sieg auf der Streif – und bestätigte danach: „Das war der bisher wichtigste Sieg für mich – in dieser Saison.“ Odermatt setzte sich 0,11 Sekunden vor Raphael Haaser durch, Teamkollege Stefan Rogentin lag drei Zehntel zurück.

Aber nicht nur weil der Sieg eben die erste goldene Gams (die im Super-G aber nur eine Goldumrandung hat) einbringt, war der Erfolg so wichtig. Sondern weil Odermatt diesmal „ein schlaues Rennen“ gefahren war. „Ich war in keinem Abschnitt der Schnellste, aber von oben bis unten war ich es. Und darum geht es ja“, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln. Das mit dem verhaltenen Jubel war schnell erklärt: „Im Vorjahr kam dann noch einer, der schneller war. Und dann wusste ich auch, dass es nicht die perfekte Fahrt war. Bei dem Tor, bei dem es so viele Stürze gab, war ich schon sehr rund dran.“ Dieses eine Tor, bei dem der Super-G-Kurs des österreichischen Trainers der Deutschen Andreas Evers, Ex-Coach von Maier, just die Abfahrtslinie kreuzte, wurde einigen zum Verhängnis.

Schon Lukas Feurstein stürzte, blieb aber nahezu unverletzt: „Dem Knie geht es gut, eventuell habe ich eine Schuhrandprellung. Aber es sollte passen“, meinte der Vorarlberger. Schlimmer erwischte es da schon Alexis Pinturault und auch seinen Landsmann Florient Loriant, die beide mit dem Helikopter zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus geflogen werden mussten. Auch Dominik Paris kam an dieser Stelle zu Sturz, insgesamt 14 Ausfälle zeugen einmal mehr von der Schwierigkeit der Streif.

Odermatt: „So soll ein Super-G sein“

Auch Odermatt war sich schon bei der Besichtigung der kniffligen Stelle bewusst. „Man hat die Schläge gesehen, ja. Aber das ist die Streif, das war eine schwierige Kurssetzung, aber so soll es auch sein“, erklärte er nach dem 80. Podestplatz seiner Karriere, der ihn auf eine Stufe mit Aksel Lund Svindal hebt, denn: „Das ist keine Abfahrt, wo man davor Trainingsläufe hat und dann Vollgas gibt. Im Super-G gibt es eine Besichtigung, dann muss man einen taktischen Plan haben. Aber genau das ist doch das Spannende am Super-G!“ Worte, die man mit Hermann Maiers Lieblingsnummer in dessen Lieblingsdisziplin kaum hätte besser wählen können.

Aber auch Odermatt hat selbst immer betont: Das, worum es in Kitzbühel geht, ist der Sieg in der Abfahrt am Samstag. Und doch löst der erste Sieg eine gewisse Spannung: „Das Wochenende ist damit schon jetzt ein sehr gutes, wenngleich auch noch nicht perfekt. Aber dafür kann ich morgen sorgen.“ Zugleich aber habe er im Super-G auch wieder gesehen, dass „man hier einfach Respekt vor der Strecke braucht. Du musst normal fahren. Hier darf man es nicht übertreiben.“

Beinahe hätten die Schweizer auch diesmal den nächsten Doppel- oder gar Dreifachsieg gefeiert, den nur Raphael Haaser verhinderte. Hinter dem Tiroler fuhr Stefan Rogentin auf Platz zwei, noch vor Jungstar Franjo von Allmen, der auch im dritten Rennen auf der Streif auf der Hausbergkante beinahe abgeworfen wurde, hier den Sieg liegen ließ. Und Rogentin? War überrascht, leidet er doch nach einem Trainingssturz in Wengen nach wie vor unter Rückenschmerzen. „Ich habe mir sogar überlegt, ob ich in den Abfahrtstrainings fahre. Es war sicher nicht ganz gut, ich habe es aber doch getan. Und heute stehe ich trotz der Probleme am Podium. Ich bin erstaunt, denn eigentlich dürfte ich nicht fahren. Man tut es aber dann eben doch. Und es funktioniert.“