„This is my house“, schrie Marco Odermatt, als er mit neuem Streckenrekord in Wengen abgeschwungen und zum dritten Mal in Serie die längste Abfahrt der Welt gewonnen hatte. Ja, das Lauberhorn ist also gewissermaßen „sein Haus“, sein Revier – in der Schweiz ist der Schweizer Platzhirsch. Mit 27 Jahren ist der Sieger von 43 Weltcuprennen aber quasi sowieso der bestimmende Faktor im Gesamtweltcup, auf dem besten Weg, auch diese Saison den Gesamtweltcup sowie drei kleine Kristallkugeln für die Disziplinenwertungen in Abfahrt, Super-G und Riesentorlauf zu gewinnen. Odermatt hat schon fast alles abgehakt, was es zu gewinnen gibt. Fast alles? Nein, eine Piste „wehrt“ sich bisher noch gegen die Eroberung: die Streif in Kitzbühel. Vier Mal stand er schon auf dem Podest, ganz oben noch nie. Oder, wie er es ausdrückt: „Um Kitzbühel zu meinem Haus zu machen, dazu braucht es noch ein wenig.“
Die Streif ist auf der Liste der persönlichen Wünsche ganz oben angekommen. „Es stimmt schon, es bleibt noch als letztes über von dem, was ich nicht gewonnen habe. Sozusagen ist es das letzte große Ziel – aber das heißt ja nicht, dass ich dann nicht noch mehr Goldene oder Kristallkugeln gewinnen will.“ Sprich: Ja, auch Odermatt braucht zur Abrundung seiner ohnehin schon perfekten Karriere den Sieg auf der Streif. Und, auch wenn er im bisher letzten Super-G hier hinter Vincent Kriechmayr schon Zweiter war: Es sollte schon der in der Abfahrt sein. „Es ist cool, dass es nicht mehr zwei Abfahrten sind. Aber ehrlich: der Fokus liegt auf dem Samstag“, sagt er. In der Zwischenzeit hat er auf der Streif auch Routine gesammelt. Obwohl: „In den ersten beiden Jahren war ich am Sieg fast näher dran als letztes Jahr mit mehr Routine. Insofern ist es schwer zu sagen, ob es hier Herz oder Erfahrung braucht. Ich denke, es ist ein Mix aus beidem. Außer, du bist im Flow. So wie Franjo“, sagt er.
Franjo, das ist Franjo von Allmen. Der 23-Jährige hat vergangenen Freitag das 23. Weltcuprennen seiner Karriere schon gewonnen, den Super-G in Wengen, da vor Odermatt. In der Abfahrt wurde er hinter dem „Leitwolf“ der eidgenössischen Speed-Armada Zweiter. Da durfte man auch einmal Party machen, wie er gestand: „So ganz leicht war es gar nicht, die zu verarbeiten, es ging ja schnell nach Kitzbühel weiter. Aber ich war ja nicht das erste Mal im Ausgang“, sagt er und lacht dabei. Fröhlich wirkt das Bröckerl fast immer, selbst auf Ski, wie er selbst sagt: „Es ist nicht so, dass ich von oben bis unten bei einer Abfahrt vor Freude singen könnte, aber ich nehme mir das wirklich vor. Es ist doch ein Privileg, wenn man das machen darf, was ich machen darf.“ Dabei sei es als Kind nie sein Wunsch gewesen, Skirennfahrer zu werden, „das hat sich erst ergeben“. Er schwimmt einfach auf der Welle: „Im Moment bin ich fast froh, dass es Rennen auf Rennen gibt, da bleibt man in diesem Flow.“
Das, was ihn eventuell am meisten aus der Ruhe bringt? Der Trubel nach dem Erfolg. „Ich bin an sich keiner, der gerne in großen Menschenmengen ist“, bekennt er, „aber mit dem Erfolg kommt das einfach als Profisportler. Bis jetzt hat uns Jungen ja Marco da sehr viel abgenommen. Am besten ist, man steigert sich nicht zu sehr rein. Es ist nicht einfach, wenn man so gefragt ist, aber positiv. Denn das heißt, dass man gut war.“ Dass das Schweizer Team, das in wenigen Jahren einen fast völligen Generationswechsel geschafft hat, so gut ist, registriert auch er. Dass den Eidgenossen die Gegner aus Österreich abhanden gekommen sind, kostet ihn ein Schulterzucken. „Mitleid? Nein, das hab ich nicht wirklich. Es hat ja auch andere Zeiten gegeben“, sagt er lachend, „aber dieses Auf und Ab, das macht den Sport doch aus.“
Bei den Schweizern scheint es derzeit nur bergauf zu gehen. Odermatt, vor sechs Jahren noch „der absolut Jüngste“, ist mittlerweile beinah der Älteste im Team, die Hierarchie ist inexistent: „Wir haben keine“, betont er immer wieder. Und, das mag eine schlechte Nachricht sein: Mit von Allmen ist der Nachschub noch lange nicht versiegt. Da kommt noch mehr. Dabei reicht die aktuelle Garde schon aus, um die (Ski-)Welt in Schach zu halten. Auch heute und am Samstag in Kitzbühel? Wahrscheinlich.