Es war knapp. Viel hat jedenfalls nicht gefehlt zu einem perfekten Abfahrtstraining, und das auf der Streif. Doch die Rechnung ging nicht auf, wieder muss die Opferzahl im alpinen Skirennsport nach oben korrigiert werden. Neuerlich betraf es einen Österreicher, allerdings im Gegensatz zu Wengen, wo mit Vincent Kriechmayr ein Routinier die rot-weiß-rot eingefärbten WM-Chancen wieder blasser werden ließ, erwischte es diesmal eine Zukunftshoffnung, deren Erfüllung nun für lange hinausgeschoben werden muss. Felix Hacker ging im Steilhang in die Knie und legte sich bei der Ausfahrt in den Schnee. Die offizielle Diagnose bestätigte die schlimmsten Befürchtungen: Das Kreuzband hat dem Druck nicht standgehalten. Es war mit Startnummer 35 der erste von nur zwei Ausfällen bei dieser Abschlussübung für die klassische Hahnenkamm-Abfahrt am Samstag.

Glück und Leid liegen nah beieinander

Es war eng. Wieder einmal offenbarte der Spitzensport auf geradezu skurrile Weise, wie sehr Glück und Leid miteinander verknüpft sind, wie nah sie beieinander liegen. Unmittelbar vor dem frühzeitigen Aus für den 25-jährigen Kärntner hatte sein um ein Jahr jüngerer ÖSV-Teamkollege Stefan Eichberger mit der zweitbesten Zeit die heimischen Erwartungen für das Rennen genährt. Just als der Steirer über seinen Lauf und die Aussichten sprach, erhob sich der dröhnende Hubschrauber, der Hacker abtransportierte, über dem Zielstadion in Kitzbühel. Der Lärm der Rotoren hörte sich an wie eine Mahnung.

ABD0102_20250122 - KITZBÜHEL - ÖSTERREICH: Felix Hacker (AUT) während dem 2. Training für die Abfahrt der Männer am Mittwoch, 22. Jänner 2025, anl. des 85. Hahnenkammrennens auf der Streif in Kitzbühel. - FOTO: APA/EXPA/JOHANN GRODER
Mit dem Hubschrauber ging es in die Klinik © APA/EXPA

Auch Eichberger war schon ein direkt Betroffener. Im Dezember 2022 hatte der Murtaler auf der Reiteralm mit einer schweren Knieverletzung die Saison beenden müssen. Die schon fast hergestellte Verbindung zum Weltcup war plötzlich wieder gekappt. „Es ist superscheiße, wenn so etwas passiert“, meinte Eichberger angesichts des frischen Dramas.

Hacker hatte sich am Dienstag nach der ersten Streif-Berührung noch in bester Laune präsentiert. „Das Selbstvertrauen passt, ich bin richtig motiviert“, ließ der überlegene Führende der Europacup-Gesamtwertung seiner Energie freien Lauf. „Ich liebe das Eisige, das Schwierige.“ Er bekommt in dieser Saison keine Gelegenheit mehr, seinen Wagemut und sein skitechnisches Können unter Beweis zu stellen.

Coole Lobesworte

Eichberger wiederum kann sich seinen Rennplan zurechtlegen. Er pickte sich jene Abschnitte heraus, die am Dienstag sein Fahrgefühl noch empfindlich beeinträchtigt hatten. „Steilhang, Gschöss-Ausfahrt, die Passage von der Hausbergkante in die Traverse hinein, das hat diesmal funktioniert“, stellte der von Hermann Maier als vielversprechende ÖSV-Aktie geadelte Rennläufer zufrieden fest. Lobesworte von „so einer Legende“ seien schon „ziemlich cool“.

Der sehr talentierte junge Mann schürt selbst die Hoffnung, es könnte auch im Ernstfall was werden mit einer Top-Platzierung. „Ich habe noch keine Rennspannung gespürt, bin zwischendrin ziemlich aufrecht gefahren, ein bisschen mit der Energiesparhocke“, zeigt er sich überzeugt, noch einen Gang zulegen zu können, auch wenn er weiß, dass die Konkurrenz ebenfalls Reserven eingelagert hat.

Das betrifft vor allem die Schweizer. Saison-Senkrechtstarter Franjo von Allmen war bis zur Hausbergkante die Nummer eins, ehe er nach dem Sprung einen Sturz gerade noch vermied und – ebenso wie Marco Odermatt – das folgende Tor verpasste. Eine komfortable Bestzeit legte Mattia Casse hin. Ob der Italiener ebenfalls noch wertvolle Hundertstel oder gar Zehntel auf der anspruchsvollsten Strecke des Skiweltcups finden kann, wird sich weisen.