Den „Gamechanger“, wie es Jürgen Säumel nannte, ortete der Meistertrainer nicht bei einem der vielen Etappensiege am Weg zur Titelverteidigung, sondern beim absoluten Tiefpunkt seiner noch jungen Amtszeit. Nach der herben 0:3-Niederlage in Wolfsberg Mitte Februar flogen intern die Fetzen. Auf konstruktive Art und Weise. Säumel erzählt, dass im Trainerstab Klartext gesprochen wurde, ebenso im Team: „Da habe ich in der Mannschaft gemerkt: Okay, sie sind richtig selbstreflektiert, gehen hart mit sich ins Gericht.“

Mittlerweile kennen sich alle Beteiligten besser als damals, haben am Weg zum fünften Meistertitel der Vereinsgeschichte gemeinsam Höhen und Tiefen durchlebt und selbigen intensiv gefeiert. Nach einer ausgelassenen Party-Nacht startete gestern um 14 Uhr ein gemeinsames Essen, bei dem der eine oder andere das geringe Schlafpensum nicht verheimlichen konnte. Präsident Christian Jauk kam aus gutem Grund ein wenig verspätet, morgens feierte er bereits die Erstkommunion seines jüngsten Sohns.

Nachdem Sturm als alter und neuer Meister feststand, bekundete der Klubchef: „An die Spitze zu kommen ist schwer, aber an der Spitze zu bleiben, die noch größere Herausforderung.“ Ein Gedanke, dem zahlreiche „doppelte“ Meister viel abgewinnen konnten. „Dieser Titel ist noch mehr wert als letztes Jahr“, fand Jon Gorenc Stankovic, „letztes Jahr waren wir Außenseiter. Diesmal waren wir Titelfavorit, auf uns ist viel Druck gelegen.“ Stefan Hierländer empfand es ähnlich wie sein Co-Kapitän: „Wenn du der Gejagte bist, ist es die größere Aufgabe. Heuer war die ganze Saison sehr viel Druck am Kessel.“

Kjell Scherpen (Sturm Graz), Gregory Wuethrich (Sturm Graz),
Kjell Scherpen wurde verabschiedet, geht auch Gregory Wüthrich? © Richard Purgstaller

Der Kärntner gestand sogar, dass diese Spielzeit manchmal „psychisch eine Belastung“ gewesen sei. Die Mannschaft habe jedoch eine gewisse Lockerheit entwickelt, auch die neuen Verantwortungsträger hätten es sehr gut gemacht. Damit sind Neo-Sportchef Michael Parensen und eben Säumel gemeint, die gerade zu Beginn ihres Wirkens mit Zweifeln konfrontiert waren. Es war jedoch früh in der Zusammenarbeit erkennbar, dass es nicht an Lernbereitschaft mangelt. „Mir imponiert, wie wir uns gemeinsam entwickelt und auch in schwierigen Zeiten versucht haben, akribisch zu arbeiten“, lobte Säumel seinen jungen Betreuerstab.

(Keine) Zweifel am Trainer

Jauk hielt fest: „Nach den ersten Schwierigkeiten wurde da und dort gezweifelt. Ich habe das nie! Das Erste, was ich dem Trainer nach dem Titelgewinn auf dem Spielfeld gesagt habe, war, dass ich von der Entscheidung für ihn hundertprozentig überzeugt war und nie gezweifelt habe.“  Vereinsintern trat Säumel als Meistermacher in die Fußstapfen von Ivica Osim, Franco Foda und Christian Ilzer. Doch auch als Titelträger stellte der 40-Jährige klar: „Als Trainer bin ich noch jung, kann noch viele Sachen verbessern.“

GRAZ,AUSTRIA,24.MAY.25 - SOCCER - ADMIRAL Bundesliga, championship group, SK Sturm Graz vs Wolfsberger AC. Image shows Michael Parensen and technical director Benjamin Schunk (Sturm).
Photo: GEPA pictures/ Hans Oberlaender
Michael Parensen mit dem technischen Direktor Benjamin Schunk © GEPA

Dieser Reifeprozess kann in der kommenden Saison voranschreiten. 2025/26 wird unweigerlich auch Parensens Handschrift in Sachen Kaderzusammenstellung mehr zum Tragen kommen. Der Deutsche selbst spricht von einem „herausfordernden Sommer“, der auf ihn und sein Team zukommt – wohlwissend, dass der Erfolg automatisch Begehrlichkeiten mit sich bringt.

Kommt der große Umbruch?

Ob nach dem umfassenden Umbruch rund um das Team tatsächlich auch im Team von einem großen Umbruch oder von Veränderungen im handelsüblichen Bereich zu sprechen sein wird, bleibt abzuwarten. Verabschiedet wurden am Rande der Meisterfeier die bisherigen Leihgaben Kjell Scherpen, Malick Yalcouye, Lovro Zvonarek und Fally Mayulu. Bei William Böving spricht viel für den nächsten Schritt, Angebote für weitere Leistungsträger sind nicht auszuschließen. Bei den Führungsspielern Gregory Wüthrich und Stefan Hierländer steht die offizielle Entscheidung noch aus.

GRAZ,AUSTRIA,24.MAY.25 - SOCCER - ADMIRAL Bundesliga, championship group, SK Sturm Graz vs Wolfsberger AC. Image shows head coach Juergen Saeumel (Sturm).
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Jürgen Säumel gab die Richtung vor © GEPA

Letzterer hat dem Verein klar kommuniziert, dass er gerne bleiben würde. „Der Klub wird entscheiden“, sagte das längstdienende Kadermitglied, das sich eine frühere Entscheidung gewünscht hätte: „Aber zuletzt war primär der Meistertitel das Ziel, alles andere habe ich hintenangestellt. Jetzt wird Zeit sein, sich zusammenzusetzen und ein Brainstorming zu machen, was Sinn macht.“ Spannend wird auch, wie Parensen zugangsseitig agiert. „Als Meister hast du Argumente, die du sonst möglicherweise nicht hättest, gerade was den europäischen Wettbewerb angeht“, sieht der Sportchef dank der feststehenden Teilnahme an einer internationalen Gruppenphase gestiegene Planungssicherheit.

Die Chance auf Nachhaltigkeit

Ein Meistertitel bringt viele Vorteile. Einer ist auch, dass die sportliche Leitung nun mit viel größerer Ruhe arbeiten kann, als dies im notorisch nervösen Grazer Umfeld sonst der Fall gewesen wäre. Die Umsetzung des Vorhabens, den Verein und seinen Erfolg so unabhängig  wie möglich von einzelnen Personen zu gestalten, ist fraglos wahrscheinlicher geworden. Nach den Ären von Osim und Foda ging es nach den Abschieden der sportlichen Erfolgsgaranten flott steil bergab. Diesmal lebt die Chance, sich nachhaltig im nationalen Spitzenfeld zu positionieren. Es wäre quasi eine Zäsur, wenn das schwarz-weiße Abschneiden nicht an handelnden Personen hängt, sondern an der Philosophie.

Ebenso lebt die Chance auf Nummer drei. Noch ist unklar, mit welchem Aufgebot Sturm die abermalige Titelverteidigung in Angriff nehmen wird, entsprechend unseriös wäre eine voreilige Zielsetzung. Aber zumindest die Lust auf weitere unvergessliche Meister-Partys ist ungebrochen. Stankovic: „Mit dieser Mannschaft sollten wir nie aufgeben, alles ist möglich. Deshalb: Sag niemals nie!“