Vier Stunden und 45 Minuten verbringen die steirischen Jugendlichen jeden Tag auf unterschiedlichsten Social-Media-Plattformen, wobei Snapchat knapp vor Instagram ihr Lieblingsportal ist. Nein, es ist keine On/Off-Beziehung mehr, die Schülerinnen, Schüler und Lehrlinge mit der digitalen Welt pflegen. Die Grenzen sind fließend, sie sind analog-digitale Lebenswandler.
Max Mögler (15) vom BRG Petersgasse bezeichnet etwa seine internationalen Gefährten bei Computerspielen als seine echten Freunde: „Obwohl ich nicht sicher weiß, wie sie aussehen oder wie alt sie sind. Einer ist in Dänemark, einer in Großbritannien, einer in der Karibik.“ „Nein, diese Welten sind nicht klar voneinander zu trennen“, gesteht Chikanma Amadi (17) von der HLW Schrödinger in Graz. Und Mechatronik-Lehrling Sandra Dobaj von der Landesberufsschule in Mureck bekennt, es fällt mir schon schwer, wenn ich fünf Stunden lang kein Handy bei mir habe.
Was haltet Ihr von einem Social-Media-Verbot unter 16?
Reizüberflutung, Inhalte, die eigentlich dem Jugendverbot unterliegen, Gruppendruck – das Smartphone und Social Media sind längst in gesellschaftlichen Verbotsdebatten angekommen. Die Netz-Nutzung hat auch Folgen für die seelische Gesundheit und die Gefahr der Radikalisierung (Schwerpunktthemen der Teile 4 und 5 dieser Serie). Die Landesregierung hat ja heuer das Handy-Verbot an Schulen ermöglicht. Australien hat ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren verhängt. Wie denken unsere Gesprächspartner darüber. Max fände „ein Social-Media-Verbot unter 12 Jahren gut“, Sandra plädiert dafür das bestehende für Unter-14-Jährige endlich auch faktisch durchzusetzen.
Chikanma kann aus persönlicher Erfahrung Zurückhaltung beim Smartphone schon etwas abgewinnen: „Ich bin froh, dass ich so spät ein Handy bekommen habe und ich finde auch das Verbot, das an unserer Schule gerade ausprobiert wird, gut.“ 18-Jährige würden da zwar rebellieren, aber in der Klasse sei es nun lauter, weil nicht alle nur auf ihr Handy schauen, sondern wieder miteinander reden. Ein Problem bei einem Social-Media-Verbot sehen die Jungen aber schon: „Das ist schon unser wichtigstes Kommunikationsmittel.“ Bei einer repräsentativen Umfrage der Steirerinnen und Steirer von m(Research für die Kleine Zeitung haben sich heuer im Sommer rund 60 Prozent für ein Social-Media-Verbot unter 16 ausgesprochen.
40 Prozent der Burschen schauen regelmäßig Pornos
Dass im Netz aber viele Gefahren lauern, entnimmt man auch der aktuellen Jugendstudie der Arge Jugend und der Sozialforschung „x-sample“. 40 Prozent der Burschen geben an, regelmäßig Pornos im Internet zu konsumieren und 60 Prozent der Mädchen gestehen, dass sie häufig ungewollt Nacktfotos zugeschickt bekommen, also Opfer von Sexting werden.
Damit nicht genug, stoßen junge Frauen auf Social Media häufig auf Schönheitsideale, die Leistungsdruck und Selbstwertproblematiken erzeugen, während Burschen neben sexuellen auch Inhalte extremer Gewalt konsumieren. „Die Algorithmen spielen den Jungen dann immer mehr dieser Inhalte in ihre Bubble, was die Reaktivierung traditioneller Geschlechterrollen verstärkt“, warnt Arge-Jugend-Geschäftsführer Dominik Knes.
Erkennst Du eigentlich Fake News?
Das Selbstbild der Jungen bei der Nutzung der Plattformen ist ein durchaus reflektiertes: 78 Prozent denken über Folgen eines Postings nach, 83 reflektieren vor dem Posting. Ein zweites Problemfeld: Social Media dominiert auch die Nachrichten-Rezeption der Jungen – und es ist zunehmend ein Hort für Fakenews. 62 Prozent der Jungen fällt es laut der Studie (eher) nicht schwer zu erkennen, ob die Informationen glaubwürdig seien. Jeder Zehnte gesteht aber, ein, hier nicht trittsicher zu sein. Max Mögler zählt dazu: „Ich bin nicht so gut darin, Fake News zu erkennen, glaube ich.“ Sandra und Chikanma zweifeln auch die 62 Prozent „Durchblicker“ ein wenig an: „Wer die Fake News nicht erkennt, glaubt ja auch, er blicke durch.“
Für Bildungslandesrat Stefan Hermann (FPÖ) ist der Befund der Studie eine Grundlage für jugendpolitische Entscheidungen. Er setzt aber in der Social-Media-Misere nicht auf die Verbotskeule, sondern „auf Medienkompetenz, Aufklärung, Sensibilisierung und die Stärkung eines verantwortungsvollen Umgangs mit digitalen Medien – bei Jugendlichen wie bei Eltern. Sei es durch Workshopangebote an Schulen oder in der offenen Jugendarbeit. Auch die Sensibilisierung Erziehungsberechtigter – etwa bei Elternabenden in Schulen – ist ein essenzieller Ansatz.“
Alexandra Nagl, Chefin der Bildungsabteilung im Land, begrüßt, dass Junge im Netz immer reflektierter agieren, erinnert aber auch an „die Vorbildwirkung von Eltern und Erwachsenen. Wenn wir nicht wollen, dass Kinder und Jugendliche permanent hinterm Bildschirm sind, müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen. Dazu gehört, dass auch wir unseren Umgang mit Social Media kritischer hinterfragen.“