In Kriegs- und Krisenzeiten, zwischen den Blöcken Russland und den USA unter Donald Trump und angesichts des Erstarkens der politischen Ränder sehen Kommentatoren und Politiker in der EU die liberale Demokratie unter Druck. Ist sie ein Auslaufmodell, oder hat sie noch das Zeug für Problemlösungen in Krisenzeiten?

Die Jungen sehen sie nicht als Auslaufmodell, zeigt die steirische Jugendstudie, aber eben schon unter Druck. Severin Posch (19), Maturant der HTBLA Kaindorf, nun Student der Gesundheitsinformatik, sagt: „Sie ist mit Abstand das Beste, was wir haben.“ Auch, wenn er von Österreich aus ein wenig neidvoll in die Schweiz blickt, weil er mehr direkte Demokratie mittels bindender Volksabstimmungen durchaus für einen guten Weg hielte.

45 Prozent sehen EU-Zukunft pessimistisch

Bei steirischen Teenagern zeigt die Studie wachsende Skepsis: Nur noch 53,5 Prozent haben Vertrauen in die Lösungskompetenz der europäischen Demokratien. 2021 waren es noch 67 Prozent. Knapp elf Prozent haben gar kein Vertrauen mehr (2021: 7 Prozent). Auch in Sachen EU-Zukunft geben sich die Jungen skeptisch. Knapp 46 Prozent sind sehr oder eher zuversichtlich, knapp 45 Prozent aber mehr oder weniger pessimistisch.

Nur noch 64 Prozent der befragten Jugendlichen fühlen sich auch als Europäerinnen und Europäer und nicht „nur“ als Steirerinnen oder Steirer, Österreicherinnen und Österreicher. Das waren zuletzt 2021 noch 70 Prozent.

17 Prozent trauen Alleinherrscher Lösungskompetenz zu

Ein Trost angesichts dieser Trends: Die nächste Generation will die Lösung der Zukunftsprobleme eher nicht in die Hände eines – nicht gewählten – Alleinherrschers legen: Fast drei Viertel hätten da eher oder gar kein Vertrauen. Aber immerhin 17 Prozent trauen einem Diktator hier doch (eher) Lösungskompetenz zu.

Für Kai Urschitz (18), Schmiedelehrling an der Berufsschule Mureck, kann einem Alleinherrscher gar nichts abgewinnen. Er würde sich aber auch ein „besseres Volk“ wünschen, das nicht Verschwörungstheorien nachhänge und erkenne, dass es eben auch selbst für „sein Leben“ zuständig sei. Die Politik könne allein nicht alles regeln. Von den Staatenlenkern wünscht er sich weniger Parteien-Hickhack und, dass man aus vielen Meinungen, die richtigen Entscheidungen für alle trifft. Das Narrativ, dass die EU zu schwach sei, hält er für „Schwachsinn“. Was ihm wichtig ist: „Grenzen – und dass in der EU die regionalen Identitäten gestärkt werden.“

„Schön und gut, aber die EU wird einmal zu Ende gehen“

Wäre Österreich ohne EU besser dran? Erjona Lumi (17) sagt „sicher nicht“: „Die EU-Standards, die Infrastruktur, der Wohlstand. Auch am Beispiel Kroatien hat man gesehen, was das einem Land bringt.“ Aber es gibt unter den Jungen natürlich auch echte EU-Skeptiker.

Dominik Knes, Arge Jugend
Dominik Knes, Arge Jugend © KK

David Jesus Nopp (18), Schlosser-Lehrling, den wir schon im ersten Teil dieser Serie kennengelernt haben, prophezeit: „Die EU, das ist ja alles schön und gut, aber das wird einmal zu Ende gehen.“ Er sieht auch in der aktuellen Form unserer Demokratie eine Ermüdung, was die Lösungskompetenz angeht.

Die Studie zeigt auch, dass Kriegs- und Krisenzeiten die Jungen politisieren. 57 Prozent geben an sich (eher) für Politik zu interessieren – das waren 2021 noch nur 47 Prozent. Und so wie Severin oder Erjona „sicher wählen gehen“, geben 72 Prozent an (zumindest eher) ihre Stimme abzugeben. Auch da waren es 2021 mit nur 64 Prozent deutlich weniger..

„Im Krisenmodus an Zuversicht verloren“

Für Dominik Knes, Chef der Arge Jugend, ist es ein alarmierender Befund, dass in Zeiten, wo europäischer Zusammenhalt wichtiger wäre denn je, die EU-Skepsis der Jungen wächst: „Zum einen sind sie wegen der Kriege und der schwierigen Wirtschaftslage im Krisenmodus und haben allgemein an Zuversicht verloren. Zum anderen kennen sie in ihrem Leben gar kein Europa mit Grenzkontrollen, ohne Reise- und Jobfreiheit. Vielleicht verliert das als Selbstverständlichkeit einfach an Wert.“

Stärker bei Vereinen engagiert

Trotz Polarisierung und offener Gräben sind die Jungen aber irgendwie auch wieder Brückenbauer. Knapp 43 Prozent der Schülerinnen und Schüler sowie Lehrlinge engagieren sich in Vereinen, das tat noch 2017 nur ein Drittel der Befragten.

Auch bei der Zivilcourage lässt sich die Mehrheit der Jugendlichen nichts nachsagen. Mehr als vier Fünftel geben an, normalerweise zu helfen, wenn jemand ungerecht behandelt wird. Im Gegenschuss geben aber rund 30 Prozent zu, nichts zu sagen, wenn jemand gemobbt wird, 23 Prozent geben an, in der Gruppe mit zu lachen, wenn es gegen Einzelne geht. Bei beiden Fragen ist seit 2017 eine Tendenz nach oben zu sehen