Der Anruf kommt überraschend. Bis spätabends haben ÖVP, SPÖ und Neos am Donnerstag verhandelt, nicht wie gewohnt im Palais Epstein an der Wiener Ringstraße, sondern rund 450 Meter weiter im Bundeskanzleramt am Ballhausplatz. Verlassen haben zumindest die türkisen und roten Verhandler das barocke Gebäude in der Annahme, dort schon am nächsten Tag wieder in bekannter Runde zusammenzukommen. Doch keine drei Tage später ist die politische Welt in Österreich eine andere. Die Zeichen stehen auf Blau-Türkis.
Freitagfrüh. Das Hoffen auf eine Einigung zu dritt findet ein jähes Ende, als in den Morgenstunden das Telefon läutet, erst bei ÖVP-Chef Karl Nehammer, dann bei Andreas Babler (SPÖ) und schließlich auch bei Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger beendet das Ringen um den Kompromiss zu dritt, ihre Partei zieht sich aus den Koalitionsverhandlungen zurück. Der Entschluss dazu ist bei den Pinken wohl seit einigen Tagen gereift, in der Nacht auf Freitag wird er besiegelt. Bereits am Donnerstag war man nur noch mit geringen Erwartungen in die Gespräche gegangen, am Ende des Tages hatte sich Ernüchterung breitgemacht. Kurz nach Spitzenpolitik erfährt auch die Öffentlichkeit vom Ausstieg der Neos, Meinl-Reisinger tritt flankiert von prominenten pinken Köpfen vor die Kameras. Die Botschaft: ÖVP und SPÖ seien zu echten Reformen nicht fähig.
Freitagnachmittag. Von einem Moment auf den anderen ist die komfortable Mehrheit im Nationalrat der drei Parteien auf einen Überhang von einem einzigen Mandat geschrumpft. Soll man dieses Wagnis eingehen, es zu zweit versuchen? Die SPÖ findet sich in einer Schockstarre wieder. Der Ausstieg der Neos aus den Verhandlungen hat die Partei auf dem falschen Fuß erwischt, die pinken Unzufriedenheitsbekundungen am Verhandlungsabend zuvor hat man noch als Verhandlungstaktik abgetan. Stundenlang ist aus der roten Parteizentrale keine Stellungnahme zu bekommen, in einer späteren Aussendung wirft man dann den Neos vor, keine Verantwortung übernehmen zu wollen.
Freitagabend. Eine Pressekonferenz von Parteichef Andreas Babler wird mehrfach verschoben, im Hintergrund beginnt es zu brodeln. Wie aus der Parteispitze zu hören ist, ist Babler zu Mittag wild entschlossen, die Verhandlungen mit der ÖVP abzubrechen und gleich in die bisherige Oppositionsrolle zu wechseln. Der Großteil des Parteipräsidiums betont hingegen die eigene politische Verantwortung (und den roten Willen, endlich wieder mitzuregieren) und forderte eine Fortsetzung der Gespräche. In Folge verkündet Babler am Abend, wenn auch widerwillig: „Unsere Hand bleibt ausgestreckt.“
Samstagvormittag. Ergreifen wollte die ÖVP diese am Ende aber nicht, die Idee einer geschrumpften großen Koalition soll nicht einmal 24 Stunden überleben. Am Samstag nach dem Politbeben kommt am Ballhausplatz das zusammen, was von der „Budgetrunde“ übrig ist, teils wird gemeinsam verhandelt, teils zieht man sich zu parteiinternen Beratungen zurück.
Samstagnachmittag. Die Hoffnung auf eine Einigung zu zweit schwindet im Laufe des Tages. Dabei beteuert die SPÖ später, nicht mehr auf die von der ÖVP kategorisch abgelehnten Erbschafts- und Vermögenssteuern bestanden zu haben. Als die SPÖ nach einer Beratung in das Verhandlungszimmer zurückkehrt, ist der Raum fast leer, der Tisch abgeräumt. Es sind schließlich Nehammer und Generalsekretär Christian Stocker, die Andreas Babler die schlechten Nachrichten unterbreiten: Auch die ÖVP wird nicht länger mit den Sozialdemokraten verhandeln. Die SPÖ sei nicht bereit, von ihrer für Türkis unerfüllbaren Forderung abzurücken, erklärt die ÖVP später.
Samstagabend. Aus der ÖVP machen schnell Gerüchte die Runde, dass Parteichef und Bundeskanzler Karl Nehammer vom Wirtschaftsflügel der Partei überwältigt wurde, der stets mit Blau-Türkis geliebäugelt hatte. Nehammer, der das ÖVP-Nein zu einer Zusammenarbeit mit FPÖ-Chef Herbert Kickl stets mit seiner eigenen Person verknüpft hatte, räumt noch am Abend das Feld und verspricht in einem rund vierminütigen Video eine geordnete Übergabe. Doch den einen logischen Nachfolger innerhalb der türkisen Reihen gibt es nicht. Während in Österreich die Namen von WKÖ-Generalsekretär Wolfgang Hattmannsdorfer und Ministerin Karoline Edtstadler kursieren, bringt der deutsche Boulevard einen anderen ins Spiel. „Kommt jetzt das Kurz-Comeback?“, titelt die „Bild“-Zeitung. Das Gerücht, dass der Ex-Kanzler am ÖVP-Vorstand am Sonntag teilnehmen soll, zerstreut sich allerdings noch im Laufe des Abends.
Sonntagvormittag. Als sich die türkisen Granden am Sonntag gegen 10.30 im Bundeskanzleramt zur Parteivorstandssitzung versammeln, können Öffentlichkeit und Medien nur spekulieren, unter wessen Führung sie den Ballhausplatz wieder verlassen werden. Möglicherweise weiß es die Partei zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht. Am frühen Nachmittag die nächste Überraschung: Der bisherige Generalsekretär Stocker wird zumindest vorerst die Partei übernehmen. Es ist ausgerechnet ein vehementer Kritiker einer Zusammenarbeit mit den Blauen, der nun die Scherben aufsammeln und die Volkspartei doch noch ohne Neuwahlen in eine Regierung führen soll – nur eben als Juniorpartner unter einem wahrscheinlichen Kanzler Kickl.