Abgeschnitten von Europa. Schwerlaster-Staus auf den Straßen nach Dover. Chaos in den englischen Häfen. Wachsende Sorge um frische Nahrungsmittel überall.

In London wiederum keine Erlaubnis, die Stadt zu verlassen. Die Polizei beauftragt, einen möglichen Exodus zu stoppen. Und das im Bewusstsein, dass eine neuartige Form des Corona-Grauens sich im ganzen englischen Südosten und in Teilen Nordirlands schnell ausbreitet.

Weihnachten 2020: Großbritannien steuert in eine schwere Krise – und das noch, bevor überhaupt eine Entscheidung über Deal oder No Deal beim Brexit gefällt worden ist.

Nach drei Tagen hektischer Zusammenkünfte und unerwarteter Mitteilungen trat am Montag in Downing Street die britische Regierung unter Premierminister Boris Johnson erneut zu einer Notstands-Sitzung zusammen. In Johnsons eigener Partei wird derweil immer offener gefragt, ob der Regierungschef dieser Krise überhaupt gewachsen sei.

Flucht aus London

Auch dem Premier und seinen Ministern musste am Montag mulmig zumute gewesen sein, angesichts der Bilanz vom Wochenende. Als am Samstagsabend Millionen Briten in und rund um London erfuhren, dass noch in derselben Nacht scharfe neue Restriktionen eingeführt würden und Weihnachten ausfallen müsse, stürmten Tausende in die Bahnhöfe, um in die Provinz zu fliehen.

Und als tags darauf ein europäischer Staat nach dem andern die Grenzen für Reisende aus Großbritannien schloss, schockiert von Informationen über die „neue Variante“ des Virus, drängte eine zweite Welle zu den Flughäfen, zum Eurostar Bahnhof St. Pancras oder zu den Fähren Richtung Irland, um noch schnell „nach Europa“ zu kommen, bevor der Verkehr eingestellt wurde auf unbestimmte Zeit.

Richtiggehend „überrascht“ wurde die Regierung nach den Worten von Verkehrsminister Grant Shapps von der Nachricht, dass Frankreich auch den Frachtverkehr aus Großbritannien einstellen würde, soweit Lkw-Fahrer diese Frachten beförderten. Als Shapps das sagte, bildeten sich am Montag bereits kilometerlange Schlangen auf den Hauptverkehrsadern zum Ärmelkanal.

Die Autobahn nach Dover, die M20, füllte sich schnell mit schweren Fahrzeugen. Auf Kents stillgelegtem „International Airport“ in Manston, der eigentlich Brexit-No-Deal-„Auffangkapazität“ hatte bieten sollen, bereitete man alles zur Aufnahme von 4000 Lastern vor. Viele Lkw auf dem Weg zur Küste wurden von der Polizei zurückgeschickt zu ihren Herkunftsorten.

Einige kreisten stundenlang orientierungslos durch Kent. Fahrer, die frischen Fisch nach Europa befördern sollten, wussten nicht, ob sie ihre Märkte mit ihrer Fracht noch rechtzeitig erreichen würden. Ein Fahrer nach dem anderen fragte sich, „ob ich zu Weihnachten überhaupt zuhause sein kann?"

Britische Supermärkte suchten ihre Kundschaft derweil nach Kräften zu beruhigen und von Hamsterkäufen abzuhalten. Vorräte für diese Weihnachtswoche seien ja vorhanden, erklärten sie. Nach Weihnachten könne es dann freilich „an einigem fehlen“, warnte die Kette Sainsburys.

Keinen Grund zur Beunruhigung sah Verkehrsminister Shapps: Ähnliches habe es „ja schon früher immer wieder gegeben“, zum Beispiel in Zusammenhang mit Streiks an den Grenzen, sagte Shapps. Im Grenzgebiet selbst sah man das anders. So etwas hätten sie „noch nie erlebt“, meinten viele Anwohner der Küstenregion.

Eilends versicherte der Minister, der Nachschub an Impfstoff aus Belgien sei auf jeden Fall gesichert. Millionen BioNTech/Pfizer-Dosen würden in Containern herbeigeschafft, auf sicheren Wegen. Jüngst hatte man schon gemeldet, dass für Notfälle Flugzeuge der Royal Air Force bereit standen, um diesen Transport zu garantieren.

Mit Erleichterung reagierten Shapps und seine Landsleute am Montag auf die Nachricht auf, dass die EU sich um eine Lösung bemühen wolle, die es erlauben würde, den Frachtverkehr wieder in Gang zu setzen – während zugleich gemeldet wurde, dass nun auch die USA und Länder den Flugverkehr mit Großbritannien einstellen wollten.

Ausgelöst hatten die Kette der jüngsten Ereignisse Premier Johnson und sein Gesundheitsminister Matt Hancock mit ihrer Erklärung vom Samstag, dass die in Kent entdeckte „neue Variante“ des Covid-19-Virus sich offenbar rasend schnell ausbreitete. Dass sie bereits für 62 Prozent der Covid-Fälle im Großraum London verantwortlich und, wie Minister Hancock erklärte, leider „außer Kontrolle“ geraten sei.

Später sollte man erfahren, dass diese „neue Variante“ die „R“-Zahl – die Reproduktionsziffer – um bis zu 0.9 erhöhen könne, so ansteckend sei diese neue Viren-Form. Seither ist auch unter britischen Wissenschaftlern ein Streit darüber entbrannt, ob diese Variante tatsächlich an der schnellen Ausbreitung im englischen Südosten schuld war, oder ob zu dieser Ausbreitung andere Faktoren, nicht zuletzt Versäumnisse der Regierung, beigetragen haben könnten.

Fest steht jedenfalls, dass die Zahl der neuen Infektionen im ganzen Land auf über 35.000 pro Tag gestiegen ist, und dass auf London und Kent die Hälfte dieser neu gemeldeten Fälle kommen. Zur zentralen Frage ist am Montag geworden, ob der „neuen Variante“ mit den üblichen Restriktionen Einhalt geboten werden kann.

Gesundheitsminister Hancock befürchtet schon, dass ein Gutteil der britischen Bevölkerung womöglich „mehrere Monate lang“ unter striktem Lockdown leben muss, bis das Impfen Abhilfe schaffen könne. Immer vorausgesetzt, fügten Pessimisten dazu, der existierende Impfstoff verliere nicht an Wirkung durch die Viren-Mutation.

Angst und Zorn

Zwischen Angst vor der neuen Ungewissheit und Zorn über die Regierungspolitik schwankten am Montag die Gefühle vieler Briten, auch unter Anhängern der Konservativen. Der Tory-Abgeordnete Sir Charles Walker sprach den Verdacht aus, Johnson habe längst von der neuen Gefahr gewusst, sie aber verschwiegen bis zuletzt. Er habe gewartet, bis das Parlament sich in die Weihnachtsferien begeben hatte, bevor er „Weihnachten abgeblasen“ habe, meinte Walker.

Fragen sind bereits auch laut geworden, wann Johnson von der „neuen Variante“ gewusst habe und warum er und sein Kabinett so lange nichts unternahmen. Angeblich soll diese Variante im September entdeckt worden sein. „Die Regierung hat seit Oktober davon gewusst“, erklärte gestern Londons liberaler Guardian. „Sie hat sich aber wiederholten Appellen von Wissenschaftlern und Ärzten, einen schärferen Lockdown anzuordnen, widersetzt.“

Immer brenzligere Brexit-Lage

Zusätzliche Nervosität auf der Insel schafft die immer brenzligere Brexit-Lage. Inzwischen sind es nur noch neun Tage bis zum Ausscheiden Großbritanniens aus Binnenmarkt und Zollunion der EU.

Die Verhandlungen zeitigten auch am Montag keine Fortschritte, obwohl eine erste, vom Europa-Parlament gesetzte Frist bereits verstrichen war am Sonntag. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon verlangte von Boris Johnson, in Brüssel um eine weitere Übergangszeit zu bitten – damit nicht noch größeres Chaos herrscht, wenn der Januar kommt.

Der Vorsitzende der Brexit-Partei, Nigel Farage, hatte freilich keinen Zweifel daran, dass der augenblickliche Fahrstopp am Ärmelkanal nichts als eine tückische Finte ist, mit der die EU die Briten verängstigen und zur Unterzeichnung eines ihr genehmen Handelsvertrags zwingen möchte. Zeit, sich ohne Deal von den Europäern zu verabschieden, sagte Farage: „Wir haben es mit Halunken und Drangsalierern zu tun.“