Bald wird sie ihre Reise über den Atlantik nach Französisch-Guyana antreten. Roboter werden die 31 Meter lange Hauptstufe der Schwerlastrakete Ariane 6 aus der riesigen Fabrikhalle im Pariser Vorort Les Mureaux hinausrollen und zum mit hohen Zäunen und Stacheldraht abgesperrten Ufer der Seine schieben, wo sie auf einem Lastkahn verladen und nach Le Havre transportiert wird.
Im Hafen von Le Havre wird schon die „Canopée“ warten, das weltweit erste Hybrid-Lastschiff, ein Riesentanker mit vier über 30 Meter hohen Segelmasten, die aus der Ferne wie Silos aussehen, von den Ingenieuren aber poetisch als „Oceanwings“ bezeichnet werden, als Flügel des Ozeans. Auf dem Schiff, eine Sonderanfertigung für die deutsch-französische ArianeGroup, wird dann bereits die in Bremen gebaute Oberstufe geladen sein, auch die Nutzlastverkleidung, die Raketenspitze, die in Rotterdam an Bord geht. Bremen, Rotterdam, Le Havre, Bordeaux, Kourou, das ist die Endstation einer 8000 Kilometer langen Seeroute zum europäischen Weltraumbahnhof im französischen Überseedepartement. Die Reise ist 28 Tage lang, die Fracht ein Vermögen wert.
Fabrik groß wie dreieinhalb Fußballfelder
Noch liegt der Zylinder der Hauptstufe der Ariane 6 in der Halle N80 von Les Mureaux, eine Fabrik groß wie dreieinhalb Fußballfelder, sauber und staubfrei. Auch die Haupttriebwerke kann man da hinter Plastikvorhängen erspähen, Vulcain 2.1. genannt, ein einziges zählt 140.000 Einzelteile und muss fast ebenso viele Tests überstehen. Es sind nur wenige Arbeiter an diesem Vormittag im Mai zu sehen, als würde die Rakete von Geisterhand gefertigt. Besucher müssen ihr Telefon vor dem Betreten der Fabrikhalle abgeben, Taschen draußen lassen, Fotografieren ist streng verboten.
Ariane 6 hat nach zehnjähriger Entwicklung und mit vier Jahren Verspätung im Juli 2024 ihren Jungfernflug absolviert. Am 6. März 2025 startete der erste kommerzielle Flug. An Bord war der französische Spionagesatellit CSO-3, was die Bedeutung in geopolitisch heißen Zeiten erahnen lässt. Für die Europäer steht viel auf dem Spiel: Die dritte Ausführung der Rakete wartet in Kourou auf ihren Start im Juli. An Nummer vier, fünf und sechs wird in Les Mureaux gebaut.
„Die Krise liegt hinter uns“, sagt David Cavaillolès, „unsere Auftragsbücher sind für die nächsten Jahre voll“. Cavaillolès ist Vorstandsvorsitzender von ArianeSpace, des Unternehmens, das die Starts organisiert und vermarktet, während ArianeGroup Raketen baut.
ArianeSpace will nach jahrelanger Krise Tempo machen. Neun bis zehn Starts im Jahr sind geplant, ungefähr doppelt so viele wie für das Vorgängermodell. „Wir erleben einen Aufschwung“, sagt Cavaillolès. „Mehr als je zuvor suchen die Kunden mit den jüngsten geopolitischen Entwicklungen nach Alternativen. Sie wollen nicht von einem einzigen Anbieter abhängen, noch dazu von einem turbulenten wie SpaceX.“
Es geht um Märkte, Gewinnaussichten, Geschäfte, deren Volumen die Experten von McKinsey & Co für die nächsten zehn Jahre auf 1,8 Billionen Dollar beziffern, eine Verdreifachung. Elon Musk, Jeff Bezos, die US-„Rocketboys“, sind schon oben. Private haben Staaten, die USA den alten Kontinent abgehängt.
Zwei Drittel der Starts der Ariane 6 werden an Privatkunden verkauft, ein Drittel sind militärisch. Das eine finanziert das andere. Einer der wichtigsten Privatkunden ist Amazon: Bezos will mit Blue Origin offen Musk Konkurrenz machen und für sein „Kuiper“-Projekt 1600 Satelliten in den Orbit setzen. Er braucht dafür nicht nur die Raketen seines Konkurrenten, sondern auch die der Europäer.
Beim Wettlauf ums All geht es nicht allein um wirtschaftliche Profite, sondern um geostrategische Unabhängigkeit: „Unsere Souveränität hängt heute vom Zugang zum Weltraum ab“, sagt Ariane-Chef Martin Sion der „Welt am Sonntag“, „für Europa ist es heute unabdingbar, diesen zu behalten“. Nicht nur Privatkunden können sich nicht mehr auf die Zusammenarbeit mit den Amerikanern verlassen, für Staaten ist es eine Frage des Überlebens. Wer abhängig ist, ist erpressbar. Die Europäer haben begriffen, dass sie eigene Kommunikations- und Navigationsdienste brauchen. „Der Krieg in der Ukraine hat den strategischen Nutzen des Weltraums in modernen Konflikten deutlich gemacht“, heißt es vom International Institute For Strategic Studies.
Man will der Öffentlichkeit plausibel erklären, warum zukünftige Investitionen der Europäischen Weltraumorganisation ESA unabdingbar sind: Europa muss sich seine Infrastruktur im All einrichten, keine Frage. Dafür braucht es eigene Satelliten und eigene Raketen. Die USA liefern drei Viertel aller militärischen Aufklärungsdaten der Nato. Deutschland? Gerade mal ein Prozent.
SpaceX ist nicht einzuholen
Mit SpaceX und dem Satellitennetzwerk Starlink kann und will ArianeGroup nicht konkurrieren: Musks Firma hat nicht nur Raketen, die wiederverwendbar sind und kann 150 bis 200 Starts im Jahr leisten, er baut auch Satelliten und Bodenstationen. Als Ariane 6 vor zehn Jahren geplant wurde, „sah niemand die Notwendigkeit eines Satellitennetzwerkes“, sagt Sion. „Musk schuf den Markt erst, sorgte selbst für die Nachfrage.“ 2022 – nach der Invasion in die Ukraine – beendete Europa die Zusammenarbeit mit den Russen. Musk drohte, die Starlink-Satelliten für die Ukrainer abzuschalten: Der Krieg der Sterne findet längst auf der Erde statt.
Weiter geht es in die Fabrikhalle des abgeschirmten Geländes von Les Mureaux, wo die Raketenteile jahrzehntelang stehend, nicht wie jetzt, liegend, montiert wurden. Dort kann man den Prototyp einer wiederverwendbaren Unterstufe besichtigen, die im Sommer in Nordschweden ihren ersten 20-Meter-Testflug machen soll. Laut Antonin Ferri, Direktor des Zukunftsprogramms von ArianeGroup, ein „Flohsprung“. Dass Musks Raketen sicher wieder auf die Erde zurückkehren, macht den Unterschied: „Der Wettlauf um das All ist ein Marathon, kein Sprint!“