Österreich ist ein Land der Geheimniskrämer. Vieles bleibt verborgen. Außer es erblickt durch Zufall das Tageslicht – wie das in der Koralm versteckte Land. Wobei unklar ist, ob es sich um ein 10. Bundesland oder einen unabhängigen Staat, also quasi um einen Staat im Staat, handelt.
Das hört sich jetzt wie ein Märchen an, ist aber keines, weil der Zauber fehlt. Aufgedeckt wurde das Geheimnis durch den Bau der Koralmbahn. Durch das tolle Loch im Berg sind die Steiermark und Kärnten nun besser verbunden, aber in manchen Fällen weder einfacher noch billiger. Regionale Klimatickets für die Steiermark und Kärnten und diverse andere Ermäßigungen gelten laut ÖBB nämlich NICHT für den Tunnel, sondern nur bis zur letzten Station auf der jeweiligen Seite, an der gehalten wird. Ab da muss in diesen Fällen eine extra Fahrkarte gelöst werden. Auch wer ein regionales Klimaticket für die Steiermark UND ein regionales für Kärnten besitzt, hat für das schwarze Loch extra zu zahlen.
Im Arlbergtunnel, der Tirol und Vorarlberg verbindet, ist das nicht so. Das nährt den Verdacht, dass es in der Koralm nicht mit rechten Dingen zugeht. Und weckt Zweifel an der Geschäftstüchtigkeit der ÖBB. Wenn man im Koralmtunnel ein unbekanntes Land passiert und dort andere Gesetze gelten, könnte man für die Dauer der Durchquerung in einem Waggon ja ein lukratives Spielcasino betreiben. Oder einen Duty-free-Shop. Oder für die Reisenden erster Klasse einen Bankschalter für Offshore-Geschäfte.
Gönnerhaft werden Millionen gefordert
Öffentlich streiten die ÖBB die Existenz des unbekannten Landes natürlich ab und berufen sich auf ihre „Tarifordnung“. Ein sogenanntes Metropol-Ticket für beide Regionen wäre „jeden Tag möglich“, tönte ÖBB-Vorstandsvorsitzender Andreas Matthä gönnerhaft Mitte Dezember des Vorjahres in der ZiB 2. Nun sind seither einige Tage vergangen und die ÖBB signalisieren, was in diversen Statements immer unter den Tisch fällt, keine Kompromissbereitschaft. Sie verlangen von den Ländern Steiermark und Kärnten für die Aufnahme des Tunnels in die regionale Ticketpolitik bis zu zehn Millionen Euro. Pro Bundesland und pro Jahr! Dass in der Steiermark eine blaue Verkehrsreferentin und in Kärnten ein schwarzer im Amt ist, lässt die Verhandlungen mit den ÖBB, die traditionell unter einem roten Logo dampfen, zusätzlich stocken.
Vorausgesetzt die Story stimmt (ich halte ja noch immer den Drittstaat in der Koralm für wahrscheinlicher, weil das weniger absurd klingt): Vielleicht könnte im Interesse der Fahrgäste endlich einmal der Infrastrukturminister – laut Internet ein Herr Peter Hanke von der SPÖ – in die Gänge kommen? Wenn man Fahrpläne laufend ändern kann, wird das ja wohl hoffentlich auch für eine „Tarifordnung“ gelten. Worum geht es bei diesen offensichtlich absichtlich kompliziert angelegten und von den ÖBB selbst aufgestellten Regeln überhaupt? Ums Abkassieren und die Managerprämien am Jahresende? Um den eigentlichen Sinn, Menschen und Regionen leistbar und klimafreundlich zu verbinden, ja wohl nicht.
Der Zwergstaat
Auch bei einem Jahrhundertprojekt steckt der Teufel im österreichischen Detail. Oder – ich gebe nicht auf – in der Koralm gibt es wirklich einen Zwergstaat mit echten Zwergen, die rote Schlafmützen tragen und Reichtümer anhäufen. Vielleicht sehe ich sie heute, wenn ich durch den Tunnel fahre.