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Foodwatch-ReportInfluencer-Marketing: So werden Kinder mit Fastfood geködert

Lebensmittelkonzerne wie Coca-Cola, McDonald‘s und Mondelez nutzen bekannte Social-Media-Stars, um zuckersüße Getränke, fettige Snacks und Süßigkeiten gezielt an Kinder zu vermarkten. Der neue Report von Foodwatch zeigt, wie Online-Marketing an der elterlichen Aufsicht vorbei direkt ins Kinderzimmer kommt.

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Junge Influencer bewerben Junkfood und Süßigkeiten auf YouTube, TikTok oder Instagram – und erreichen damit Millionen junger und sehr junger Fans. Eine neue Erhebung der Konsumentenschutzorganisation Foodwatch macht klar, in welchen Ausmaß das bereits passiert.

Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2019 unter Jugendlichen in Österreich haben mehr als 50 Prozent bereits einmal oder mehrmals Produkte gekauft, weil sie von einem Influencer präsentiert wurden

Heidi Porstner, Foodwatch Österreich

Die Influencer genießen häufig sehr viel Vertrauen und hohe Glaubwürdigkeit oder werden von ihren Fans sogar als Freunde wahrgenommen. „Diesen Einfluss machen sich Lebensmittelunternehmen
zunutze, um für ihre süßen Limonaden, Torten und Schokoriegel zu werben“, sagt Heidi Porstner, Leiterin von Foodwatch Österreich.

“Die Industrie agiert mit dem Online-Marketing an der elterlichen Aufsicht vorbei. Sie gelangt somit direkt ins Kinderzimmer und auf die Handys von Kindern und Jugendlichen und untergräbt so die Bemühungen
von Eltern, ihre Kinder für gesunde Lebensmittel zu begeistern”, gibt Porstners Kollegin, Lisa Kernegger, zu bedenken.

Die Initiative geht allerdings nicht immer von den Unternehmen selbst aus. Das Verhältnis ist symbiotisch: Manches Mal gehen die Influencer mit einem unbezahlten Werbevideo für die Junkfood-Firmen in „Vorleistung“. Sie preisen Produkte an und fordern die Hersteller direkt auf, sie zu sponsern. Und der Erfolg ist vorprogrammiert: Kinder in Österreich geben ihr Taschengeld gerne für Essen, Fast Food und Süßigkeiten aus, wie eine Studie der Universität Wien mit der Münze Österreich 2018 ergab.

Kindermarketing sollte für Lebensmittel gemäß der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesetzlich beschränkt werden. Die WHO selbst bezeichnet die Marketingbeschränkungen als „unabdingbar“, um Fettleibigkeit bei Kindern entgegenzutreten.

Lisa Kernegger, Foodwatch Österreich

Für die Recherche hat Foodwatch im Jahr 2020 über einen Zeitraum mehrerer Wochen tausende Posts, Storys und Videos bekannter Social-Media-Stars untersucht und zahlreiche Belege für entsprechende Werbung dokumentiert. Unter den untersuchten Influencern befinden sich auch die beiden Österreicherinnen Viktoria und Sarina. Sie zählen zu den heimischen YouTubern mit den meisten Abonnenten. Sie verzieren beispielsweise eine Coppenrath & Wiese-Torte mit noch mehr Süßigkeiten oder präsentieren einen nach ihnen benannten „Keksteig zum Löffeln“. Manches ist als Werbung gekennzeichnet, anderes jedoch nicht. Kinder können zudem noch nicht oder nur schwer erkennen, dass Werbung darauf abzielt, ihr Konsumverhalten zu beeinflussen.

Unternehmen lieben ungesundes Zeug

In Deutschland investiert die Lebensmittelindustrie jedes Jahr rund 900 Millionen Euro in Werbung für Süßwaren, dagegen nur etwa 15 bis 20 Millionen in Werbung für Obst und Gemüse.

Für Österreich gibt es keine aktuellen Zahlen. Die Branche gibt Gewinnmargen anscheinend ungern preis. Eine Studie der Unternehmensberatung JP Morgan aus dem Jahr 2006 zeigt jedoch, dass sich ausgerechnet mit unausgewogenen Produkten wie gezuckerten Getränken, Süßwaren und fettreichen Snacks die größten Umsatzrenditen erwirtschaften lassen. Das erklärt, warum Unternehmen nach wie vor fast ausschließlich solche ungesunden Produkte gezielt an Kinder und Jugendliche bewerben.

Rechtlich sind den Unternehmen wenig Grenzen gesetzt, wenn sie mit Influencen Lebensmittel an Minderjährige bewerben wollen. Im Gegensatz zu Ländern wie Norwegen, Schweden oder Großbritannien gibt es in Österreich nach wie vor keine direkten gesetzlichen Verbote oder Einschränkungen von Kindermarketing für unausgewogene Lebensmittel. Das Ziel sollte sein, die Einwirkung von Werbung für Lebensmittel und Getränke, die einen hohen Gehalt an Salz, Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren oder Transfettsäuren aufweisen, auf Kinder wirkungsvoll zu reduzieren, wie man bei Foodwatch betont.

Werberegeln "völlig absurd"

Doch die seit Jahresanfang geltenden neuen Werberegeln für Rundfunkveranstalter und Mediendiensteanbieter, darunter fallen auch YouTuber, im audiovisuellen Mediendiensteanbieter-Gesetz und im ORF-Gesetz, setzen auf Selbstregulierung statt auf konkrete gesetzliche Beschränkungen. Die neuen Vorschriften verlangen lediglich, wie die Konsumentenschützer betonen, dass sich Mediendiensteanbieter selbst Richtlinien auferlegen müssen, welche Bewerbung von unausgewogenen Lebensmitteln im Umfeld von Kindersendungen sie für unangebracht befinden.

„Als Gesetzgeber Unternehmen vorzugeben, sich selbst die Regeln zu schreiben, ist an Absurdität wirklich kaum zu übertreffen. Das ist bei einem so wichtigen Thema, bei dem es um die Gesundheit der Kinder geht, einfach viel zu wenig“, stellt Heidi Porstner fest: „Es braucht dringend eine gesetzliche Beschränkung des Kindermarketings, die sich streng an den Nährwertempfehlungen der  Weltgesundheitsorganisation WHO orientiert“, sagt die Foodwatch Österreich-Leiterin. Die WHO hat bereits im Jahr 2015 ein Nährwertprofil für Kinder ausgearbeitet, auf dessen Basis Marketingbeschränkungen eingeführt werden sollen.

Im Schnitt ist etwa jeder dritte Bub und jedes vierte Mädchen in Österreich im Alter von 8 Jahren übergewichtig oder adipös. Das geht aus der im November 2017 veröffentlichten „COSI - („Childhood Obesity Surveillance Initiative“) Studie der WHO hervor, an der Österreich 2017 zum ersten Mal teilnahm. Übergewicht im Kindes- und Jugendalter erhöht das allgemeine Risiko, an Adipositas und anderen Stoffwechselerkrankungen im Erwachsenenalter zu erkranken. „Daher ist ein gesetzliches Werbeverbote für unausgewogene Lebensmittel zum Schutz der Kinder dringend nötig“, heißt es bei Foodwatch Österreich.

Kommentare (3)
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diss
3
4
Lesenswert?

Die Politikerinnen - wie meistens -

der verlängerte Arm der Konzerne!

Patriot
0
14
Lesenswert?

Wenn die Kinder Fastfood (fr)essen, sind die Eltern schuld!

Wer sonst!?

tomtitan
1
16
Lesenswert?

Die sogenannten " Influencer " sind so nötig wie ein Kropf -

eine unselige Erscheinung unserer multimedial verseuchten Gesellschafft...