Felsflächen, Stein- und Tontafeln, Papyrus, Palmblätter, Wachsscheiben, Tafeln aus Knochen, Muscheln, Elfenbein, Horn, Bronze, Eisen, Zinn. Holzbretter, Rinde, Tierhaut.

Uff. Es hat ganz schön lange gedauert, bis die Menschheit endlich beim Papier ankam, um sich darauf was aufzuschreiben. Um das Jahr 100 nach Christus dürfte in China das erste Papier hergestellt worden sein, aus Pflanzenfasern, die man stampfen, kochen, abschöpfen, trocknen, pressen und glätten musste. Ein ganz schön aufwendiger Prozess, aber er hat sich gut gehalten, sonst würden wir heute zum Beispiel nicht den Welttag des Buches feiern.

Zum 31. Mal übrigens; 1995 hat die Unesco den weltweiten Aktionstag für das Lesen und die Bücher, für die Kultur des geschriebenen Wortes und ihre Urheber eingerichtet. Und ich schätze, ungefähr gleich lange wird auch der drohende Niedergang der Buchkultur, des Lesens, des Schreibens und ach was, sagen wir doch gleich: der Zivilisation herbeigemenetekelt. Womöglich liegt es am Datum: Am 23. April 1616 starben sowohl William Shakespeare als auch Miguel de Cervantes, vielleicht hängt deswegen über diesem Feiertag immer diese besonders haltbare Untergangsstimmung.

Das Fernsehen. Die Hörbücher. Der Kindle. Das Streaming. Sie alle waren schon schuld am bevorstehenden Ende des Buches. Andererseits wächst der heimische Buchmarkt seit Jahren, zumindest in den Bereichen Belletristik (3,1 Prozent Umsatzplus im Jahr 2025), Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher (jeweils plus 2,6 Prozent). Wissenschaftliche Fachpublikationen, Kunstbücher, Ratgeber und Reiseliteratur haben sich allerdings schlechter verkauft, und den stationären Buchhändlern geht es auch nicht so toll. Man sieht es eh an den Seifen und Frühstücksbrettchen, die sie mittlerweile feilbieten müssen.

Wer Bücher liebt, sollte sie also nicht bei Jeff Bezos bestellen, sondern im Geschäft abholen; und am besten nimmt man auch gleich die Kinder mit, zwecks Gewöhnung an Lektüre. Den Job müssen Eltern nämlich eventuell bald wieder selber übernehmen, weil der Buchklub der Jugend, der in Österreich seit 1948 Lese- und Literaturförderung an Schulen betreibt, voraussichtlich bald zusperren muss: Das Interesse nimmt ab, gleichzeitig haperts bei Österreichs Volksschülerinnen und Volksschülern an der Lesekompetenz, berichtet mein Kollege Simon Rosner. Ob da nicht ein Zusammenhang besteht....

Dramatisch ist auch, was pünktlich zum Weltbuchtag offenbar wurde: Der britische Bestseller „Shy Girl“ kommt in den USA nicht auf den Markt, weil er wohl von einer Künstlichen Intelligenz verfasst ist. Offensichtlich ist das Buch KI-Slop: Mist, der mithilfe sogenannter Prompts (Anweisungen) aus bestehendem Web-Content zu größtmöglicher Publikumswirksamkeit zusammengeschustert wurde, berichtet Literaturredakteur Bernd Melichar. Dass der US-Verlag, der „Shy Girl“ herausbringen wollte, davon lieber Abstand nahm, ist vielleicht ein gutes Zeichen am Weltbuchtag. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass andere Verlage seinem Beispiel folgen? Oder, wie Melichar es im Leitartikel formuliert: „Wie soll man etwas in den Griff bekommen, von dem wir nicht einmal wissen, wie sehr es unser aller Leben bereits im Griff hat?“

Im allerbesten Fall lägen in der Konkurrenz durch die KI auch neue Möglichkeiten: Wenn man davon ausgehen kann, dass KI auf Breitenwirksamkeit zielt, braucht man sich bei der Lektüre bloß öfter dem Unoptimierten, Unstromlinienförmigen oder Nichtmassentauglichen zuzuwenden. Das Seltsame, Kuriose, Eigenbrötlerische, Exzentrische ist immer noch ziemlich verlässlich von Menschen gemacht. Man nennt es Literatur, und es beschert, da bin ich mir sicher, noch immer die aufregendsten, besten, eindrücklichsten Leseerfahrungen, die man zwischen Buchdeckeln oder am Kindle machen kann. Und vielleicht auch nach wie vor auf Tontafeln oder Tierhaut, aber für die ist zwischen den Seifen und den Frühstücksbrettchen halt kein Platz.

Ihnen einen schönen Lesetag!

Herzlich,

Ute Baumhackl