Wenn er anruft, ruft man gleich zurück“, kommentiert Naomi Watts die Arbeit mit Serienschöpfer Ryan Murphy. Zustimmendes Nicken in der Damenrunde. Es ist das Pressegespräch für Murphys neue Serie „All’s Fair“ (Disney+). Mit dabei unter anderem Glenn Close, Sarah Paulson und Kim Kardashian. „Kim Kardashian als Scheidungsanwältin“, soll Murphy die Serie an Hulu gepitcht haben. Diese hätten sofort ja gesagt.
Murphy hat sich in Sachen Frauenrepräsentation einen Namen gemacht. 53,5 Jahre beträgt der Altersdurchschnitt der sechs Hauptdarstellerinnen. Sie sind weiß sowie People of Colour, heterosexuell oder queer. Was bei anderen Produzenten wie ein Abhaken von Boxen klingen würde, ist bei Murphy Business as usual. Der ebenfalls queere Amerikaner rückte schon 2009 in „Glee“ diverse Figuren in den Mittelpunkt.
Themen, die sich stets wiederholen, sind Geschlechtsidentität, Rassismus, Mobbing oder häusliche Gewalt. Er besetzt Transgender-Frauen, wie etwa MJ Rodriguez in „Pose“. Er fordert klassische Rollenbilder von Frauen heraus, castet jenseits des Hollywood-Jugendwahns. In „Feud“ zeigte er am Beispiel von Betty Davis und Joan Crawford, wie Frauen systematisch gegeneinander ausgespielt werden. In „The Politician“ sind die Frauen ehrgeizig, intelligent und an Macht interessiert – Eigenschaften, die als „männlich“ codiert sind.
„Ich hatte bereits ‚Damages – Im Netz der Macht‘ gedreht“, erinnert sich etwa Glenn Close. Sie meinte zu Murphy, dass sie nicht nochmals so eine Anwaltsrolle wollte. „Alle haben sie als Zicke bezeichnet, aber ehrlich gesagt hat sie sich nur wie ein Mann verhalten.“ Murphy meinte daraufhin: „Nein, du wirst die Matriarchin sein.“ „Normalerweise stehen wir mit anderen Frauen in Konflikt“, meint auch Watts über die patriarchal geprägten Hollywood-Drehbücher. „In diesem Fall feuern wir uns alle gegenseitig an.“
Doch Murphy, der 1965 in Indianapolis geboren wurde und seine Karriere als Journalist begann, heimst nicht nur Lob ein. Seine Horror- und True-Crime-Serien stehen in der Kritik, die Verbrechen von Jeffrey Dahmer oder Ed Gein zu ästhetisieren. Dramatischen Sensationalismus über die ethische Darstellung von Opfern zu stellen. Details werden hinzuerfunden, historische Fakten umgeschrieben. Zudem wählt Murphy auch stets die Perspektive des Täters, was die Opfer noch mehr in den Hintergrund treten lässt.
Als er “Monster: The Jeffrey Dahmer Story” drehte, kritisierten die Familien der Opfer, vorab nicht gefragt oder informiert worden zu sein. Rita Isbell, Schwester eines Opfers, sagte, es fühle sich an, als würde sie „alles noch einmal durchleben“. „Murphy erzählt brillant, aber oft aus der falschen Perspektive“, schrieb 2022 auch die New York Times.
Murphy hat auf diese Kritik gekontert, er wolle „Opfern eine Stimme geben“ und „gesellschaftliche Missstände aufzeigen“. Damit hat er nicht unrecht. „The People vs. O.J. Simpson“ zeigte Rassismus und Klassenkämpfe auf, „The Assassination of Gianni Versace“ die Ausgrenzung von queeren Minderheiten. „Ratched“, die Serie über die sadistische Stationsschwester aus „Einer flog über das Kuckucksnest“, interpretierte er hingegen komplett gegen Ken Keseys Roman. Ratched war die Repräsentation des repressiven Systems. Bei Murphy wurde sie zu einem gepeinigten Individuum. Mörderisches, fetischisiertes Spektakel statt Systemkritik.
Seinem Ruf hat diese Kritik noch nicht geschadet. Die Darsteller und Darstellerinnen stehen weiterhin Schlange. Faktum bleibt auch: Ryan Murphy hat sich als Wegbereiter in Sachen Repräsentation einen Platz in der Hollywood-Geschichte gesichert.