Es gibt sie immer, diese Ausnahmen, die bekanntlich auch die Regel bestätigen: 2023 wurde in Großbritannien eine Frau verurteilt, die mit 17 Stichen ihren Liebhaber getötet hat. In ihrer Wohnung wurden gerahmte Porträts von Serienmördern gefunden, ihr Alibi hat sie mit Hilfe von True-Crime-Dokumentationen geplant. Stellt sich doch die Frage: Wie gefährlich ist True Crime? Und muss man sich gar fürchten, wenn im persönlichen Umfeld die True-Crime-Begeisterung ausgebrochen ist? In beiden Fällen gibt die biologische Psychologin Corinna Perchtold-Stefan Entwarnung: „Wir sehen nicht, dass die True-Crime-Fans von heute die Psychopathen von morgen sind.“
Welche Folgen hat die Faszination für Verbrechen?
Die gebürtige Kärntnerin, die an der Uni Graz forscht, ist selbst True-Crime-Fan, also fasziniert von der Aufarbeitung echter Verbrechen. Mit ihrer Forschung hat sie einen Nerv getroffen, das Interesse an der Teilnahme für ihre 2023 gestartete Studie war enorm. Die Intention war unter anderem die mediale Spekulation darüber, „ob diese Faszination für Verbrechen möglicherweise sogar eine Art Rückschritt in der gesellschaftlichen Entwicklung ist, wenn wir uns so sehr für Gewalt interessieren.“
Von Jack Unterweger bis Ed Gein
Stereotype, die es trotz der enormen Präsenz von True-Crime-Formaten gibt: Während Jack Unterweger in der Vorwoche im Hauptabendprogramm durch den ORF geisterte, hält sich die Produktion über den Serienmörder Ed Gein seit Serienstart in den Netflix-Top-Ten, aktuell weltweit auf Platz 1. Nicht zu vergessen, die Unmengen an Podcasts, die standardmäßig in den Spotify-Charts weit vorne sind. True Crime ist also gefühlt überall. Nur eines gab es nicht, empirische Studien und so legte Perchtold-Stefan los, die ihr Fach als „Schnittstelle zwischen Neurowissenschaften, Biologie und Psychologie“ bezeichnet. Zusätzlich zu den Befragungen werden auch die MRT-Bilder von den Gehirnen der Teilnehmenden ausgewertet: „Die spannendste Erkenntnis war, dass True-Crime-Konsum überhaupt keine starken Zusammenhänge mit Ängstlichkeit und mit Aggression zeigt. Auch nicht, dass sich diese Leute total unsicher und paranoid fühlen und im Alltag hinter jedem Baum, jeder Ecke, das Böse vermuten.“
True Crime
True Crime als Trockentraining für mentale Fitness
Vielmehr zeigt sich, dass man sicher weniger vor den True-Crime-Konsumierenden fürchten sollte, sondern man sich besser gemeinsam mit ihnen fürchten sollte, weil sie einen anderen Umgang mit dem Grauen pflegen. Sehr salopp könnte man sagen, dass in der Faszination für True-Crime auch eine Art Trockentraining für die mentale Fitness sein kann, eine eigene Form der Angstkontrolle: „Dahinter steckt auch eine Art adaptiver Mechanismus der Evolution. Dass Menschen teilweise Freude daran empfinden, wenn sie sich mit negativen Dingen beschäftigen und dadurch etwas über die Welt und sich selbst lernen, auch, um sich auf Gefahren im echten Leben vorbereiten zu können.“ Eine Erkenntnis, die aus der Horrorforschung kommt.
Warum True Crime bei Frauen beliebt ist
Auch auf die Tatsache, dass es vor allem Frauen sind, die True-Crime-Formate konsumieren, hat Corinna Perchtold-Stefan eine Antwort gefunden: „Wir sehen zum Beispiel auch, dass die Leute, die True Crime konsumieren, mehr Empathie aufweisen, als jene, die nicht konsumieren. Das erklärt auch, warum es mehr Konsumentinnen gibt: Es geht um ein Mitdenken, ein Mitfühlen, aber auch um die Idee des Selbstschutzes – ich könnte mir etwas davon für meinen Alltag mitnehmen.“ Und die Rede ist hier natürlich nicht von einem Alibi!