„Einen schönen guten Abend, danke fürs Kommen“, begrüßt Susanne Schnabl in ihrem neuen ORF-Wohnzimmer die ersten Gäste von „Das Gespräch“. Der knöcherne, aber immerhin pragmatische Sendungstitel wird sogleich mit Leben erfüllt: „Verhandeln Sie jetzt entgegen Ihrer eigenen Überzeugung?“„Ist Kickl jetzt ein anderer?“ „Warum soll man der ÖVP noch glauben?“ Überrascht haben dürfte Christian Stocker der Auftakt des Fragenstaccatos nicht: Nach dem Interview-Reigen der letzten Tage war der ÖVP-Chef gut in Übung.

Es bleibt erwartbar. Drei Minuten sind gezählt, da kommt der Abend zum ersten Mal bei der Schuldfrage an: „Es war Andreas Babler, der im Klassenkampf verhaftet blieb“, meint Stocker. Nach sieben Minuten dann die erste Unterbrechung, eine Straßenumfrage, tendenziell ÖVP-kritisch.

Christian Stocker in der neuen ORF-Sendung „Das Gespräch“:

Für Schnabl ist es ein Heimspiel. Im selben Studio, in dem sie kurz vor Weihnachten nach zwölf Jahren ihren letzten „Report“ moderierte, nimmt die gebürtige Kärntnerin ihr erstes „Gespräch“ auf. Die innenpolitische Lage ist für die Sendungsverantwortlichen ein Glücksfall. Schnabl ist an diesem Abend ganz Polit-Journalistin-Profi, von Nervosität keine Spur, souverän wird sie bis zum Ende keine Frage stellen, die sich als Niete herausstellt. Dennoch: Gegenwind und Druck sind beim Sonntagabendtalk erheblich höher als beim „Report“. Claudia Reiterer kann ein Lied davon singen.

Versprecher passieren trotzdem: „Frau Schüssel ..“, schnell korrigiert sich Schnabl selbst, als sie die Kommunikationsberaterin Heidi Glück ins Gesprächsboot holt. Das Versehen kommt nicht von ungefähr, Glück war jahrelang Wolfgang Schüssels Sprecherin und strategische Beraterin. Im „Gespräch“ sitzt sie wie Irmgard Griss sinnbildlich Stocker gegenüber. Die drei Frauen – übrigens ist auch das neue Regieteam von „Das Gespräch“ rein weiblich besetzt – hat an den geschäftsführenden ÖVP-Bundesparteiobmann viele Fragen. Der fesche neue Holztisch, er kommt in Schieflage.

Irrwege der politischen Kommunikation

Glück hielt die Strategie der ÖVP, Kickl frühzeitig als Partner ausgeschlossen zu haben für einen Fehler, die ÖVP habe sich „den Spielraum eingeschränkt“. Was Glück Sorgen macht: „Wie kann man in der Position als Zweiter mit einem Bundeskanzler Kickl reüssieren?“ Die ÖVP habe zudem in den vergangenen Jahren ihre DNA vernachlässigt, behauptet sie, es sei heute unklar, wofür die Partei heute steht. Stocker widerspricht vehement: „Wir haben natürlich unser Profil geschärft“ und packt seine Ausgabe des „Österreich-Plan“-Kompendiums aus, das er Glück über den massiven Tisch zuschiebt.

Davon angeregt kommt nach 13 Minuten auch Irmgard Griss ins Spiel. Von diesem Österreich-Plan sei „ganz wenig in die Bevölkerung eingesickert“, meint die ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin und frühere Neos-Abgeordnete. Sie vermisse bei der ÖVP ein Zukunftsbild. Kurios wird es, als in der Folge diskutiert wird, ob denn genug Wählerinnen und Wähler das viele Zentimeter dicke „Österreich-Plan“-Konvolut tatsächlich gelesen hätten. Politische Kommunikation auf Abwegen, Stocker rundet schließlich ab: „Aber Sie können mir nicht sagen, dass wir keinen Plan oder kein Programm für dieses Land haben.“

„Wir sind zwei grundverschiedene Parteien“

Dann, der Auftritt des nur körperlich Abwesenden: Was machen Sie, wenn Kickl nach Brüssel geht und dort gegen neue Sanktionen gegen Russland stimmt?“, fragt Glück in Richtung der anderen Tischseite. Stocker wird mit einem Hinweis antworten, den er an diesem Abend noch öfter vorbringen wird: Für die Personalauswahl und das jeweilige Verhalten sei jede Partei selbst zuständig. Soll heißen: Solange sich die FPÖ an das Regierungsübereinkommen halte, habe ihr Verhalten in Wien oder Brüssel keine Folgen: „Wir sind zwei grundverschiedene Parteien“.

Griss, ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes, bleibt dran: Sind die Sanktionen für die selbsternannte Europa-Partei ÖVP gegen Russland eine Regierungsbedingung? Was, wenn sich Kickl nicht an Abmachungen halte? „Das ist eine ganz wichtige Frage“, antwortet Stocker mit höflicher Bestimmtheit und dem Bewusstsein, sein Argument schon parat zu haben: Er verweist auf die grüne Umweltministerin Eleonore Gewessler, die sich in Brüssel gegen den Willen der ÖVP für das Renaturierungsgesetz ausgesprochen hatte.

„Wir haben die Bedenken vernommen“

Schnabl dreht weiter, wieder steht der freiheitliche Abwesende im Mittelpunkt: Wie geht man mit den Sicherheitsbedenken befreundeter Staaten um, die sich um die Sicherheit von Geheimdienstinformationen sorgen? „Wir haben die Bedenken vernommen“, sagt Stocker und es gehe in den Verhandlungen darum, die Bedenken zerstreuen sollen. Die „leeren Kilometer“ (Schnabl) will Stocker nicht gelten lassen, man könne auf die Ergebnisse aufbauen. Es geht, die kleine Verschnaufpause tut gut, auf die Straße für eine aufgezeichnete Videoumfrage.

Schnabl lässt reden, gibt die Zügel aus der Hand, hält sich nicht an ein festes Themenkorsett. Es wird deutlich, warum sie vorab nicht als Talkshow verstanden haben wollte, was sie künftig sonntagabends vorhat: Wie in ihren „Sommergesprächen“ aus dem Parlament – Stichwort „Verhörkammerl“ – ist das Motto der promovierten Philologin auch hier spürbar: „Machen wir doch was anderes“.

„Wir wissen, dass wir meine Reputation beschädigen“

„Regieren ist das Rendezvous mit der Realität“, die ersten Gespräche sollen gut verlaufen sein, sagt der neue ÖVP-Chef. Das Versprechen, dass es keine neuen Steuern geben wird, kann ihm Schnabl nicht abnehmen. Griss verweist auf die Wirtschaftsforscher und die Notwendigkeit, klimaschädliche Subventionen zu kürzen: „Wie Sie das auf die Reihe kriegen werden, das weiß ich nicht.“ Stocker: „Ich habe nie behauptet, dass es leicht wird.“ Dazu passt, was der neue starke Mann der ÖVP über seine eigene Rolle verrät: „Wir wissen, dass wir meine Reputation beschädigen“. Es folgt kein Widerspruch der Tischgesellschaft.

Irmgard Griss, sie hat noch einiges zu sagen: Man müsse das Klima immer mitdenken, fordert sie. Warum die ÖVP Heimatschutz nicht stärker als Klimaschutz verstehe, ist ihr unklar. Stocker trocken: „Das, was Sie sagen, ist schon eine politische Gewichtung.“ Griss appelliert an das Verantwortungsbewusstsein der Politik im Sinne zukünftiger Generationen zu agieren. Soll sich die neue Regierung zu den Klimazielen bekennen? „Strafzahlungen sollen vermieden werden“, ein stärkeres Bekenntnis kommt Stocker an diesem Abend nicht über die Lippen. „In aller Ehrlichkeit und Offenheit“ verweist er auf den geringen Anteil Österreichs am globalen CO2-Ausstoß.

Identitäre, Rechtsstaat, Kurz

Die Zeit drängt, am Ende werden Fragen im Schnellverfahren durchgenommen. Griss fürchtet um die Unabhängigkeit der Justiz unter einem FPÖ-Kanzler. Schnabl fragt nach, wie es die ÖVP mit den Identitären hält, verlangt man wie Sebastian Kurz 2019 eine Distanzierung der FPÖ von der rechtsextremen Organisation? Stocker wiederholt sich: „Wir werden für die freiheitliche Partei, für ihre Haltungen, für ihr Personal keine Verantwortung tragen.“

Man kommt zum Abschluss. Stünde Stocker auch bei möglichen Neuwahlen an der Spitze der ÖVP? Er lässt sich nicht darauf festlegen. Die logische Nachfrage: „Ist das Kapitel Kurz für die ÖVP abgeschlossen?“. Kurz sehe seine Zukunft in der Wirtschaft, sagt Stocker, der den Abend beschließt: „Jeder sieht seine Zukunft selber“.

PS: Im Abspann war zu sehen, wie Griss den „Österreich-Plan“ über den Tisch wieder an Stocker zurückschiebt. Ihre Zukunft sieht sie offenbar ohne das ÖVP-Werk.