Vor 101 Tagen gaben 1.282.734 Wählerinnen und Wähler der ÖVP und Karl Nehammer ihre Stimme. Wie viele davon, um FPÖ-Chef Herbert Kickl als Kanzler zu verhindern, lässt sich nicht beziffern. Ganz wenige werden es aber nicht gewesen sein: Immerhin stellte die Volkspartei ihr „keine Koalition mit Kickl“ ins Zentrum ihrer Wahlkampagne.

Wer dabei nach offenen Hintertüren suchte, stieß gegen Mauern. Einzig eine Zusammenarbeit mit den Freiheitlichen ohne ihren Chef blieb eine Option. Das führte am Ende zu 26,3 Prozent und 51 Mandaten – ein veritabler Absturz um 11 Prozentpunkte auf Platz zwei hinter der FPÖ. Aber es hätte schlimmer kommen können. Auch deshalb hielt die Partei die Reihen hinter Nehammer dicht geschlossen. Er hatte, da waren sich fast alle einig, wacker gekämpft und das relativ Beste aus der wirklich miesen Ausgangslage gemacht.

Doch Nehammer ist jetzt Geschichte und die Tür für einen Kanzler Kickl steht seit Samstag sperrangelweit offen. Seit Montag sogar mit dem offiziellen Segen von Bundespräsident Alexander Van der Bellen, dessen „sicher nicht“ zum FPÖ-Obmann mindestens einzementiert schien. Diese Geschichte wird ein anderes Mal zu erzählen sein.

Erste prominente Kritiker melden sich

Wie werden die Wählerinnen und Wähler, die rund 500.000 ÖVP-Mitglieder, die tausenden Funktionäre und Mandatare darauf reagieren? Erste prominente Stimmen, die ihre Fassungslosigkeit zu Protokoll geben, sind bereits zu vernehmen: Der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler will aus der ÖVP austreten, sollte es tatsächlich zu Blau-Schwarz kommen; Bernhard Görg, Ex-Landesparteichef in Wien, erklärte, dass er sich nie vorstellen hätte können, dass seine Partei ernsthaft daran denkt, „diesem monströs-lächerlichen Herrn Kickl die Räuberleiter ins Kanzleramt zu machen“.

Maria Rauch-Kallat langjährige Ministerin unter Rot-Schwarz und später Schwarz-Blau befürchtet im Interview mit der Kleinen Zeitung, erhebliche Erschütterungen im politischen Körper der Volkspartei: „Die Gefahr ist, dass sich viele unserer Wählerinnen und Wähler abwenden, und ich kann es ihnen nicht einmal verübeln.“

Die ÖVP wurde schon öfters totgesagt

Tatsächlich steckt die ÖVP im Dilemma: Auch eine Koalition mit der SPÖ und die Erfüllung von deren Forderungen hätte viele ihrer Wähler verärgert. Und Neuwahlen würden für die Noch-Kanzler-Partei in einem absehbaren Desaster enden.

Vielen älteren Semestern dürfte das alles bekannt vorkommen: Es ist nicht das erste Mal, dass Nachrichten vom Ende der ÖVP die Runde machen. Bisher waren diese, frei nach Mark Twain, maßlos übertrieben. Erst die versteinerte große Koalition in den 1990ern und dann die erste schwarz-blaue Regierungsbildung Anfang 2000 brachte die ÖVP an den Rand einer Zerreißprobe. Nur zwei Jahre später feierte sie einen beispiellosen Wahlsieg. Allerdings hieß der Parteichef damals Wolfgang Schüssel und das Kanzleramt war in schwarzer Hand. Was nun folgt, ist offen.