Am Rednerpult vor einem mit Volkspartei-Logos übersäten Hintergrund in der ÖVP-Parteizentrale – so kennt die Öffentlichkeit außerhalb Wiener Neustadts Christian Stocker. Regelmäßig hat der neue Mann an der Parteispitze in den vergangenen zwei Jahren zu Pressekonferenzen ins türkise Machtzentrum in der Wiener Lichtenfelsgasse geladen, um klarzustellen, wo die ÖVP politisch steht. In seiner Rolle als Generalsekretär musste er dabei weniger Rücksicht auf den grünen Koalitionspartner nehmen als Regierungsmitglieder, entsprechend schärfer fiel oft die Wortwahl aus. In den Wochen vor der Nationalratswahl Ende September war es vor allem eine Botschaft, die Stocker an das Wahlvolk bringen sollte: keine Koalition mit der FPÖ unter Herbert Kickl. Jetzt soll ausgerechnet er als neuer Parteichef die ÖVP in die erste FPÖ-geführte Bundesregierung der Zweiten Republik führen.
Wer ist der Mann, der scheinbar völlig unerwartet an die Spitze der Noch-Kanzlerpartei gerückt ist? Klar ist: Stockers politische Karriere hat nicht erst 2022 in dem Moment begonnen, als seine Vorgängerin Laura Sachslehner beinahe eine Koalitionskrise provoziert hätte und daraufhin wegen „inhaltlicher Differenzen“ mit der Parteispitze zurücktreten musste. Damals übernahm Stocker als Parteimanager das Ruder in der Lichtenfelsgasse, drei Jahre zuvor war er erstmals in den Nationalrat gewählt worden und damit in die Fußstapfen seines Vaters, ÖVP-Politiker Franz Stocker, getreten. Wesentlich länger reicht seine Karriere in seiner Heimatgemeinde Wiener Neustadt zurück: Seit 2000 amtiert er dort als Vizebürgermeister.
Saxophon, Golf, Fliegenfischen
Seit seinem Aufstieg innerhalb der Bundespartei bekommen die Wiener Neustädter Stocker seltener zu sehen – ein bekanntes Gesicht ist er in der niederösterreichischen Stadt trotzdem. In Wiener Neustadt ist der Jurist neben der Politik auch als Rechtsanwalt tätig; die gemeinsam mit Partnern geführte Kanzlei, in der auch sein Sohn Clemens tätig ist, habe er mittlerweile allerdings „großteils übergeben“, heißt es von der ÖVP. Die Seite des niederösterreichischen Blasmusikverbandes weist den Saxofonisten Stocker überdies als Obmann der Stadtkapelle aus. Weiters gilt Stocker als begeisterter Golfer, auch Fliegenfischen zählt zu seinen Hobbys, in seiner Heimatstadt ist er auch gerne mit seiner Vespa unterwegs.
Haben die Regierungsverhandlungen zwischen Türkis und Blau auf Bundesebene gerade erst begonnen, besteht in Wiener Neustadt seit Jahren ein Regierungsübereinkommen der ÖVP sowohl mit der SPÖ als auch mit der FPÖ. Die Zusammenarbeit scheint weitgehend harmonisch. Im Dezember fand Stocker nach einer Abschiedsrede von Bürgermeister-Stellvertreter Michael Schnedlitz, der sich nun auf seine Rolle als Generalsekretär der Bundes-FPÖ konzentriert, durchaus wohlwollende Worte: Es sei schön, „dass man Parteipolitik in der Gemeinde mehr als vernachlässigen kann“. Auf Bundesebene hat das Stocker und Schnedlitz allerdings nicht daran gehindert, einander und die jeweils andere Partei immer wieder aufs Schärfste zu kritisieren.
Unwahrscheinlicher Parteichef
Ein Markenzeichen Stockers als Vizebürgermeister ist die Aktion „Fassl fürs Gassl“: Im Sommer klappert er mit einem mobilen Schanigarten im Gepäck unterschiedliche Stadtteile Wiener Neustadts ab, um mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. Trotzdem stand Stocker stets in der zweiten Reihe hinter ÖVP-Bürgermeister Klaus Schneeberger. Er agiere eher als nüchterner Sachpolitiker im Hintergrund, wird in Stockers Heimatstadt erzählt. In dieser Rolle dürfte er sich durchaus wohlgefühlt haben. Er sei nicht der Typ, der im Bierzelt für gute Stimmung sorge, heißt es.
Dass er die Volkspartei als Spitzenkandidat in die nächste Nationalratswahl führen wird, gilt deshalb als unwahrscheinlich – auch wenn Stocker im Interview mit der Kleinen Zeitung betont, er sei gekommen, um zu bleiben. Überraschungen sind in der Politik aber nie ausgeschlossen – dass Stocker am 5. Jänner Parteichef werden würde, hatte am 4. Jänner auch noch kaum jemand erwartet.