Seit Jahren tobt ein hochdramatisches Duell in den Buchhandlungen, nämlich das Duell zwischen Lebensberatungsbuch und Kochbuch. Jahrelang waren die Lebensberater vorne gewesen. Doch das Kochbuch startete jüngst eine fulminante Aufholjagd, und momentan liegt es sogar knapp vorne.
Die Ursachenforschung zeigt, der Hauptgrund liegt ganz einfach in der Tatsache, dass seit Corona weite Teile der Gastronomie im ganzen Land und am ganzen Kontinent und mehr oder weniger auf der ganzen Welt geschlossen, versperrt und verriegelt sind. Unvorstellbar, aber wahr. Dieses brutale Faktum jedenfalls führte zu einer Zwangs-Renaissance der Selberkochkultur. Anders als Auftauen oder Pizzabestellen benötigt wirkliches Kochen einerseits Know-how (Wenn schon Kochkultur, dann gleich Kochkunst! Am besten in Kombination mit „gesunder Ernährung“ oder gar Ernährungswissenschaft), andererseits benötigt Kochen eine andere enorm kostbare Zutat: Zeit! Und die metaphysische Schlussfolgerung lautet: Was an Kochzeit benötigt wird, geht an Lebenszeit verloren. Je mehr gekocht wird, desto weniger wird gelebt, es sei denn, Kochen ist auch Leben – oder frei nach Bert Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral, und auch Chefkoch Adorno bestätigt: Es gibt kein richtiges Kochen mit falschen Zutaten!
Ein Kunstkoch hat daher gar ein Werk mit dem Titel herausgebracht: Ich koche, also bin ich. Detail am Rand: Die Belletristik, die sogenannte schöngeistige Literatur, kann bei dem Duell nur neidvoll zuschauen und landet wie immer auf dem undankbaren letzten Platz. Ich habe mein Schriftstellerleben lang kein Kochbuch geschrieben. Aber wer weiß, vielleicht lasse ich mich doch einmal hinreißen? Dann würde ich es Der Philosoph kocht nennen. Ein paar goldene Sätze hätte ich schon:
Ich taue auf, also bin ich. Ich rühre um, also bin ich. Ich koche auch nur mit Wasser, also bin ich. Worüber man nicht sprechen kann, das muss man kochen. Das Kochen ist alles, was der Fall ist (alternativ: Die Welt ist alles, was das Kochen ist. Noch alternativer: Die Grenzen meines Kochens sind die Grenzen meiner Welt. Was du nicht willst, das man dir kocht, das koch auch keinem anderen. Ich traue keinem nichtkulinarischen Gedanken. Es gibt nur ein wirkliches philosophisches Problem: Ob sich das Kochen lohnt.
Meine drei berühmtesten kulinarischen Aphorismen aber werden lauten:
Koche so, dass die Maxime deines Kochens zum allgemeinen Kochbuch erhoben werden kann.
Ich koche, dass ich nichts koche.
Kochen ist Leiden.