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InterviewLisa Eckhart: "Zum Linkssein gehört mehr, als kein Rassist zu sein"

Lisa Eckhart sorgte wieder für ein paar Debatten im Feuilleton. Die Kabarettistin, die mit "Omama" auch ihren ersten Roman vorlegt, im Interview über Kritik, Großmütter und die Wahrheit der Kunst.

INTERVIEW: LISA ECKHART
Die in der Steiermark geborene Kabarettistin Lisa Eckhart © APA/HANS PUNZ
 

Sie haben Ihre Karriere als Poetry-Slammerin begonnen. „To slam“ bedeutet zuschlagen. Sie schlagen als Künstlerin gerne zu, lieben die Provokation. Ist Ihr Lohn dann das Entlarvende auf die Reaktionen?
LISA ECKHART: Nicht ich, sondern die Satire liebt die Provokation. Der Lohn ist der Applaus und nicht zuletzt die Gage.

Lisa Eckhart ist jetzt – nicht zum ersten Mal – zum „Fall Eckhart“ geworden. Was überwiegt: Wut, Unverständnis oder Angst, dass Ihr erster, soeben veröffentlichter Roman „untergehen“ könnte? Und wie dick ist Ihre Haut, wenn Sie angegriffen werden?
Es kommt immer darauf an, von wem man angegriffen wird. Ob jemand zu mir hinauf- oder zu mir hinuntertritt. Ersteres ist aussichtslos. Die über mir sind überschaubar. Deren Urteil höre ich mir an. Ich kann sie dann im Nachhinein noch immer für verrückt erklären.

Die Polarisierung Ihrer Person findet ihre Fortsetzung. Freut Sie das oder leiden Sie auch darunter? Von der AfD „missbraucht“ zu werden, ist ja nicht gerade lustig, oder?
Das klingt immer mehr nach einer Therapiesitzung. Ich weiß, dass Leiden sehr en vogue ist, doch dafür hab ich momentan wenig Zeit. Und „missbraucht“ hab ich mich ehrlich gesagt noch nie gefühlt. Besonders nicht in diesem Falle. Das hört sich für meinen Geschmack ein bisschen zu sexuell an angesichts des doch recht unerotischen Anlasses.

Ihr Fall wurde auch zur Feuilleton-Diskussion darüber, wie frei die Kunst sein muss, darf oder soll. Wie kommentieren Sie selbst die „Ausladung“ vom Literaturfestival in Hamburg und die Debatten über Ihre Auftritte?
Das lasse ich andere kommentieren. Viele tun das schrecklich gerne, und mir liegt nicht viel daran. In Kommentarspalten kriege ich Platzangst. Auf der Bühne ist es viel geräumiger.

Können Sie nachvollziehen, dass Menschen Probleme mit Ihren Aussagen, Ihrem Humor haben und dass eben der Vorwurf im Raum steht, dass Sie antisemitische und auch andere Klischees bedienen? Zeigt sich jetzt nicht, dass das ein gefährliches Spiel ist – oft aus dem schlichten Grund, weil es die Menschen nicht verstehen oder eben sagen: „Das ist nicht witzig.“?
Das mag sein, dass manche Probleme mit meinem Humor haben. Andere haben Probleme mit Laktose. Das ist natürlich schade, doch diese Menschen haben gelernt, einfach Milchprodukte zu meiden. Sie wettern deshalb nicht gegen Kühe. Aber natürlich bleibt es gefährlich. Ich bin professionelle Satirikerin. Das ist mindestens so riskant wie das Handwerk eines Pyrotechnikers. Was ich auf der Bühne tue, sollten Sie nicht zu Hause nachmachen.

Ist die Situation nicht absurd? Sie – im Grunde wohl eher „links“ positioniert – werden von „den Linken“ bekämpft und von den Rechten gibt’s Schützenhilfe.
Sie haben schon recht, „die Linken“ in Anführungszeichen zu setzen. Von Altlinken nämlich ist mir keine Kritik bekannt. Was die Kritiker nun „links“ macht, könnten mir diese wohl nur mit Müh und Not erklären. Dazu gehört ein bisschen mehr, als schlichtweg kein Rassist zu sein.

Ich habe gerade in einem anderen Buch folgenden Satz gelesen: „Wir sollten über unsere Familien schreiben, ohne jede Beschönigung, ohne dabei zu erfinden. Wir sollten nur von dem erzählen, was passiert ist – oder wovon wir glauben, dass es passiert ist.“ Können Sie mit diesem Zitat in Bezug auf Ihren eigenen Roman „Omama“ etwas anfangen?
Ich kann mit diesem Satz in Bezug auf Literatur nichts anfangen. Die hat gefälligst zu erfinden, zu beschönigen, kurzum, zu lügen. Ehrlichkeit ist keine künstlerische Leistung. Damit schreibt man Unfallberichte, aber keine guten Romane.

Noch ein Zitat, jetzt aus Ihrem eigenen „Prolog“: „Es mangelt weiß Gott nicht an Autoren, die sich an der eigenen Familie vergehen“. Jetzt gehören auch Sie dazu. Was hat Sie dazu verleitet?
Es ist ja noch lang nicht gesagt, dass ich das tatsächlich getan hab. Viele vergehen sich an der Familie und verkleiden sie als Fremde. Womöglich hab ich es umgekehrt gemacht und verkaufe Ihnen Fremde als meine Familie.


Ihre Omama ist schon als Kind ein verlogenes Gscheiterl, deren Schwester ein verludertes Dummerl. Es bleibt dem Leser überlassen, diese Biografie als Hommage oder als Rufmord zu erachten, meinen Sie. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass Sie die Blume der Oma-Verherrlichung mit wilder Schreibhand ausreißen wollten. Hat das Ausrupfen Spaß gemacht?
Das Ausrupfen hat Liedermacher Ludwig Hirsch seinerzeit mit seiner „Omama“ schon geleistet. Und auch das sehr liebevoll. Trotz seiner Drastik. In größenwahnsinnigen Momenten denke ich mir manchmal, dass ihm der Roman womöglich recht gefallen haben könnte. Wer weiß, wie viel allein das Lied den Anstoß für das Schreiben gab.

„Beim Romanschreiben habe ich Ruhe vor mir selbst.“ Wie ist dieser Satz zu verstehen? Fehlt Ihnen das – Ruhe vor sich selbst?
Ja. Vor allem in Interviews, wenn es unentwegt um mich geht. Nichts interessiert mich weniger als meine Meinungen und Gefühle.

Der Roman spielt zu großen Teilen in der Nachkriegs- und Besatzungszeit in der Steiermark. Wie und wo respektive bei wem haben Sie denn „recherchiert“?
Ich habe ein bisschen im Gedächtnis von Menschen gestöbert. Aber keine Sorge, ich habe nicht eins zu eins vom Leben abgeschrieben. Das wäre ungehörig. Man darf nicht einfach nur recherchieren. Man muss auch ein bisschen arbeiten.

Der Roman spielt größtenteils auf dem Land, in der Provinz, die Sie ebenfalls, wie die dort lebenden Menschen, von jedem Idylle-Ballast befreien. Was bleibt übrig oder was kommt zum Vorschein, wenn man den Kitsch und den Zucker wegschreibt?
Meistens noch mehr Kitsch. Es steckt ja schon in der Formulierung. Nach dem Schein kommt etwas zum Vor-Schein. Etwas, das noch weiter entfernt ist von dem Kern, welchen man sucht. Ähnlich in der Politik: Je transparenter diese wird, umso mehr wuchern Verschwörungstheorien.

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