Debütroman Lisa Eckhart: Gar nicht lieb, diese Omama

Mit ihrem bitterbösen Debütroman „Omama“ zerschlägt Lisa Eckhart sprachmächtig das Klischee der herzallerliebsten Großmutter.

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Die Kabarettistin und Schriftstellerin Lisa Eckhart
Die Kabarettistin und Schriftstellerin Lisa Eckhart © ORF
 

Das aufgeregte Drumherum droht das aufregende Innendrinnen zu verdecken. Und das wäre schade! Drumherum wird eifrig über Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Kabarettistin Lisa Eckhart und eine damit verbundene Ausladung von einem Hamburger Literaturfestival nach Eskalationsdrohungen der „linken Szene“ diskutiert. Innen drinnen gilt es, vom Debütroman dieser ebenso polarisierenden wie hoch talentierten (Sprach-)Künstlerin zu berichten.

Und es wäre nicht „die Eckhart“, wenn sie nicht auch als Schriftstellerin ein Tabu brechen und mit einem Klischee aufräumen würde – diesfalls mit jenem der gütigen, weisen, herzallerliebsten Großmutter. Mit mächtiger Schreibpranke zerrt die 27-jährige Steirerin Omama aus dem Schmalztopf der Verherrlichung und setzt sie dort ab, wo sie hingehört: mitten ins Leben.

Dorthin also, wo die Menschen nicht nur lieb sind, sondern auch sehr fies. Dorthin, wo Enkelkinder nicht nur mit Süßigkeiten vollgestopft werden, sondern auch mit klebrigen Altersweisheiten. Eckharts Credo: „Großmutter hat mir die Welt nicht erklärt. Ich erkläre sie dem Leser. Anhand des Lebens meiner Großmutter.“

Zur Person

Lisa Eckhart, bürgerlich Lisa Lasselsberger, geboren am 6. September 1992 (nach anderen Quellen 1991) in Leoben. Sie begann als Poetry-Slammerin und gab 2015 ihr Kabarett-Debüt. Seit 2019 Stammgast bei „nuhr im Ersten“.

„Helga, schnell, die Russen kommen!“ Mit diesem Satz beginnt dieses Buch, ein wilder, frecher, tollkühner Bastard aus Roman, Essay und Sprachspielerei. Helga ist die spätere Omama und schon als Kind ein verlogenes Gscheiterl, ihre Schwester hingegen ein verludertes Dummerl. Deshalb wird auch die Schwester unterm Bett versteckt, damit sich „die Russen“ nicht an ihr vergreifen. Bei Helga besteht diese Gefahr nicht, sie ist physiognomisch eher „schiach“ geraten.

Der erste Teil des Romans ist in der Nachkriegszeit angesiedelt und spielt in der österreichischen/steirischen Provinz. Dort, wo die Hitler-Bilder ganz schnell verschwinden und stattdessen neue Fähnchen im Wind wehen. Dort, wo nicht die edlen Landbewohner hausen, sondern der Dorfschönling, die Dorfmatratze, der Dorfdepp. Eckhart betreibt lustvoll Entweihung und Entkitschung und öffnet doppelte Böden, unter denen allerlei Unrat zum Vorschein kommt. Später, nach dem Mauerfall, wird sich Omama als gewiefte Schmugglerin erweisen, noch später, schon mit 80, als inbrünstige und vor allem brunftige Nebenbuhlerin der eigenen Enkelin.

All das macht Mordsspaß, ist geschliffen und intelligent formuliert und ergibt in Summe ein funkelndes Debüt. Wenn es etwas zu mäkeln gibt, dann auf hohem Niveau. Zwischendurch hat man den Eindruck, dass Eckhart die Schreibstube mit der Kabarettbühne verwechselt hat. Jeder Satz muss mit einer Pointe gespickt sein, kein Wort kommt ohne Spielerei aus, oft sieht man den Wald vor lauter schrägen Gestalten nicht.

Doch was bleibt, ist das große Verdienst, dass Lisa Eckhart ein grauhaariges Fabelwesen vom Podest gestoßen und als Menschenwesen mit Fehl und Tadel zurück in die Welt gesetzt hat. Das macht aus der Omama ein angreifbares, aber durchaus liebenswürdiges Geschöpf.

Buchtipp: Lisa Eckhart: "Omama". Zsolnay. 384 Seiten, 24,70 Euro. Erscheint am 17. August

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Kommentare (5)
zweigerl
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Ist diese Rabiatprosa kabarettistisch gemeint?

Dann wäre sie nur ein potenziertes Revival des sich zu Tode geschriebenen "Antiheimatromans" und schwömme auf der Corona-Welle "Alt sein ist kein Privileg!". Mutmaßlich wurde diese Oma-Philippika angestiftet von der eigenen Oma-Tussi, die's wohl auch gibt und die die Großmütter im urbanen Lifestyle-Segment von heute vorweggenommen hat: Sich auf "for ever young" schminken und auf die Straße demonstrieren gehen. Dazu ein Gegenbild: Meine Oma selig war so sparsam, dass sie kein Papierl ungenutzt ließ, die feinsten Gemüsesuppen kochte und ein Inbild der persönlichen Bescheidenheit war. Lang ist's her? Nun: 30 Jahre. Seitdem ist die Welt eine andere geworden. In der heutigen Ausgabe drückte Ernst Sittinger die Reset-Taste für eine neue Bescheidenheit mit seinem fulminanten Essay über den (sozialdemokratischen) "Vollkasko-Staat". Das große Erwachen ist unterwegs...

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Da gabs auch so ein Umweltborstentier-Lied vom öffentlich-rechtlichen Kinderchor.

Ist das das neue "Links"? Sind jetzt nimma die gierschlundigen Kapitalisten die Subjekte der linken Begierden, sondern die Omas?

Da macht man ja als protourbaner, progressiv Mittiger vor Freude einen Schluck aus dem biologisch abbaubaren Cappuccino-Becher, streut Himalaya-Salz auf das Bio-Ei von glücklichen Hühnern aus Deutschland und beißt sich am selbstgebackenen Bauernbrot einen Zahn aus.

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Kein Klischee !

Die überwiegende Mehrzahl der Großmütter entsprechen dem „Klischee“.
Wer das nicht erlebt hat, den bedaure ich. Offensichtlich zählt die Autorin dazu....

lichtenberger
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Omama

Nicht alle Omas, Opas, Papas und Muttis sind lieb, alles andere zu behaupten ist Heuchelei und über diese macht sich die Autorin lustig. Das wird die Gesellschaft wohl aushalten ,ohne über diese tolle Frau herzufallen.




2AO6Q9DI5PYH31MK
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@lichtenberger

Leider kann ich bei dem von Eckhart gewählten Thema überhaupt keine gesellschaftliche Brisanz entdecken. Omas vom Podest stoßen, boah eh wenn das kein heißes Eisen ist, dann halt nicht.
Frau Jelinek schreibt jedes Jahr so ein Buch. Hat das was mit der Mur-Mürz-Region zu tun?