Es ist stockfinster. Während andernorts noch tief geschlafen wird, hallen in Obertilliach Schritte durch die schmalen Gassen. Seit Jahrhunderten ziehen die „Tillga“ um vier Uhr früh zur nächtlichen Andacht – einem Brauch, dessen Wurzeln bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen sollen.
Das sogenannte „Zutage gehen“ beginnt jedes Jahr am ersten Sonntag im Oktober, dem Rosenkranzsonntag, und dauert bis Palmsonntag. „Und dies bei jeder Witterung“, betont Michael Annewanter, auch bekannt als „Post-Michl“. Zwischen 30 und 50 Menschen sind es jedes Mal, die den Weg in die Pfarrkirche Obertilliach finden.
Nächtliche Andacht, die bis heute Bestand hat
Der Ursprung liegt in den besonderen Bedingungen des Ortes. Obertilliach, früher wegen seiner eng zusammengebauten Holzhäuser auch „Bretterstadt Österreichs“ genannt, kannte die ständige Gefahr von Bränden. Neben dem Wasser vertraute man auch auf den Segen „von Oben“, „damit der Ort vor größeren Schäden bewahrt bleiben möge“, erklärt der Obertilliacher Ortschronist Michael Annewanter. Die „Brixner Chronik“ schrieb dazu 1899: „Bisher hätten die Obertilliacher eine andere Feuerwehr gehabt, nämlich die armen Seelen. Schon seit dem 14. Jahrhunderte vereinigten sich die Dorfbewohner jeden Sonntag in alle Frühe in der Kirche zum Gebete um durch die Fürbitte der armen Seelen das schreckliche Unglück einer Feuersbrunst abzuwenden. Auch künftighin soll das Gebet und die Hilfe der armen Seelen unsere Hauptfeuerwehr sein.“ So entstand eine nächtliche Andacht, die bis heute Bestand hat.
Gebetet wird seit einigen Jahrzehnten der Schmerzhafte Rosenkranz als Dank und Bitte. Früher schloss sich daran noch die Herz-Jesu-Litanei an. Auch der Pfarrer war damals fester Bestandteil: „Während des Rosenkranzes saß er im Beichtstuhl und nahm die Sünden der Besucher ab. Nach dem ‚Beichtsitzen‘ gab es noch die Hl. Kommunion. Vorbeter war immer der jeweilige Pfarrmesner“, schildert Annewanter.
Ein festes Stück Identität
Heute ist die Form schlichter geworden: Der Rosenkranz steht im Mittelpunkt, anschließend gehen die Menschen wieder nach Hause. Neu ist auch die Beteiligung: „In letzter Zeit beten die Frauen vor und die Männer beten nach“, beschreibt Annewanter den Wandel. Auch örtliche Vereine und Jugendliche nehmen regelmäßig teil.
Was einst aus der Angst vor Bränden entstand, ist längst ein festes Stück Identität. Das „Zutage gehen“ wird in Obertilliach seit Jahrhunderten wachgehalten – Sonntag für Sonntag, lange bevor die Sonne aufgeht.