„Diese Kapelle soll nun nicht nur den Opfern der Weltkriege geweiht sein – sondern auch den vielen Menschen, die sich mit all ihren Kräften für eine Friedensethik und Friedenserziehung einsetzen.“ In seiner Predigt beim Festakt zum hundertjährigen Bestehen des Bezirkskriegerdenkmals Lienz betonte Bischof Hermann Glettler die neue Rolle des auch als Egger-Lienz-Kapelle bekannten, kunst- und kirchenhistorisch bedeutenden Bauwerks. Dieses wurde am 8. September 1925 von Bischof Sigmund Waitz vor 10.000 Menschen in Lienz eingeweiht – und löste Skandale aus.

Bischof Hermann Glettler führte durch den Festakt zum hundertjährigen Bestehen der Egger-Lienz-Kapelle
Bischof Hermann Glettler führte durch den Festakt zum hundertjährigen Bestehen der Egger-Lienz-Kapelle © André Schmidt

Gebaut von Clemens Holzmeister

Schon 1918 reiften in Lienz die Pläne, den Osttiroler Toten des Ersten Weltkrieges in Form einer Kapelle und eines Arkadenganges zu gedenken. Glettler: „Es war der Versuch, eine Antwort zu finden. Eine Haltestelle des Trostes und der kulturellen, religiösen und menschlichen Vergewisserung.“ Nachdem 1924 alle damals 50 Ost- sowie die sechs abgespalteten Südtiroler Gemeinden zustimmten, wurde erst der akademische Maler Josef Manfreda, später der junge Architekturprofessor Clemens Holzmeister mit dem Bau beauftragt. Das Wirken Holzmeisters wiederum war Bedingung des berühmten Malers Albin Egger-Lienz (1868–1926), dem die Ausgestaltung der Kapelle zugetragen wurde und dessen Gebeine – nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion – dort begraben liegen.

An Eggers vier Fresken und Bilder entlud sich der Zorn von Teilen des Klerus und des Volkes. Das Bild „Der Auferstandene“ sorgte gar für ein Interdikt seitens Rom, bis in die 1980er-Jahre durften in der Kapelle keine Heiligen Messen gelesen werden. „Egger-Lienz hatte nicht geliefert, was erwartet wurde. Keinen glorreichen Herrgott, sondern ein Opfer. Hier ist kein Sieger. Hier ist einer, der gerade überlebt hat, schwächlich von Gestalt, abgemagert, nahezu nackt“, erläuterte der Bischof die Auffuhr und spannte den Bogen ins Hier und Jetzt „Diese Unbehaglichkeit empfinden viele heute noch. Nehmen wir sie als Gnade. Als Inspiration, um noch leidenschaftlicher an die Gegenwart des Auferstandenen zu glauben.“

Auch die Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik mahnte Frieden und Versöhnung an
Auch die Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik mahnte Frieden und Versöhnung an © André Schmidt

Fast zwei Stunden dauerte der Festakt, dem neben Schützenkompanie, Musikkapelle und Ehrengästen viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister Osttirols sowie aus Südtirol beiwohnten. Bischof Glettler dankte dabei Dekan Franz Troyer, der mit seinem Team die Feier organisiert hatte: „Wir brauchen in dieser nervösen, von so vielen Auseinandersetzungen gepeitschten und ideologisch polarisierten Zeit, diese Zusammenkünfte, die den Frieden hochhalten.“ Die Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik ergänzte: „Der verwundete und abgegrenzte Bezirk Lienz stand damals orientierungslos vor einem Neubeginn. Doch Erinnerung allein schützt nicht. Wie schnell kann Hoffnung zerstört werden, auch dafür steht dieses Denkmal.“ Das trägt nun wie die ganze Pfarre St. Andrä das Motto „Dem Frieden dienen“, das seit wenigen Tagen golden auf dem Eingangsportal prangt. Eine bewusste Abkehr von der einstigen, längst übermalten Inschrift: „Den Helden der Heimat.“

„Sie machen mir Angst“

Der eigentliche Höhepunkt schufen dann die Kinder der Volksschule Lienz-Nord, die zuvor die Feier musikalisch untermalten. Auch sie machten sich ihre Gedanken über das Werk Eggers, Kunst, Religion und Frieden: „Warum sind die Bilder so stark? Sie machen mir Angst.“ Die Antwort „Eggers“: „Das war meine Absicht. Ich wollte die Menschen dazu bringen, über den Krieg und das Leid nachzudenken. Manchmal müssen wir uns den Schmerz anschauen, um zu verstehen, wie wichtig Frieden ist. Die Kapelle, ist ein Ort, um derjenigen zu gedenken, die gestorben sind. Damit wir nie vergessen, was passiert ist.“