Eine Hilfseinrichtung ins Leben zu rufen hatte ich ganz und gar nicht auf meiner beruflichen Wunschliste – und dementsprechend groß war meine innere Distanz zum Auftrag von Chefredakteur Reinhold Dottolo. Das ermöglichte andererseits einen unbefangenen Blick auf das Thema. Am Ende stand die Idee, nicht nur die lange Tradition der Hilfsaktivitäten der Kleinen Zeitung auf neuer Basis weiterzuführen, sondern gleich auch noch einen Schritt weiterzugehen: hin zur Partnerschaft mit bewährten Organisationen, mit dem Ziel, eine große Koalition gegen die Armut im Land zu schaffen. 

Im Dezember 2000 stellten wir den Lesern die neue Aktion vor, der eingeführte Name „Kärntner in Not“ wurde beibehalten. Ihre Eckpfeiler: strikte Anonymität der Hilfsbedürftigen, um sie nicht Neid und Stigmatisierung auszusetzen; Kontrolle, um soziale Treffsicherheit zu gewährleisten; schließlich Nachhaltigkeit – Menschen, die in finanzielle Nöte geraten waren, sollten wieder selbst für sich sorgen können, was vielfach gelang. 

Die Partner-Organisationen, stets Paten eines von ihnen betreuten besonderen Notfalls: Caritas, Kärntner Kinderrettungswerk (Heute: Lobby für Kinder), Rettet das Kind, Bürgerbüro von LH. Haider (heute: Bürgerservice des Landes Kärnten). 2007 kam die Katastrophenhilfe österr. Frauen (heute: Hilfe im eigenen Land) dazu.

Die Ehrenmitglieder des Vereins: Wolfgang Rausch, Herta Stockbauer und Walter Walzl (Vereinsobmann bis 2016) mit Sabine Johannsen, aktives Vorstandsmitglied
Die Ehrenmitglieder des Vereins: Wolfgang Rausch, Herta Stockbauer und Walter Walzl (Vereinsobmann bis 2016) mit Sabine Johannsen, aktives Vorstandsmitglied © Weichselbraun Helmuth Kleine Zeitung

Im ersten Jahr reichte ein Aktenordner, und der nicht prall gefüllt, um alle Hilfsansuchen wie auch die Buchhaltung aufzunehmen. Die Reaktionen zeigten aber bereits, dass die Aktion die Herzen der Kleine-Zeitung-Leserschaft erreicht hatte. Unvergessen bleibt ein Brief einer damals zehn Jahre alten Villacher Gymnasiastin, die um Unterstützung bei einer Delfintherapie für ihre an einer Gehirnentzündung erkrankte Freundin Julia bat. Der Wunsch konnte wahr gemacht werden, im Sommer darauf konnten Julia – und noch ein zweites schwer krankes Mädchen – mit ihren Eltern zum Vater der Delfintherapie, Prof. Nathanson, nach Key Largo/Florida reisen.

Schon bald war es notwendig, neben der Unterstützung von Familien bzw. Einzelpersonen, auch neue Herausforderungen mitzudenken. 2003 klopfte, mit dem Unwetter in Vorderberg, erstmals der Klimawandel an. Das führte zu einem Notfallkonto für Katastrophen, das wir seither leider allzu oft benötigt haben (Lavamünd, Gegendtal, Lesachtal).

Obfrau Antonia Gössinger (links) mit Vereinsvorstandskollegen Susanne Koschier und Albert Lesjak (rechts) und Vertretern der Partnerorganisationen Walter Ebner, Elisabeth Wappis und Sonja Sima
Obfrau Antonia Gössinger (links) mit Vereinsvorstandskollegen Susanne Koschier und Albert Lesjak (rechts) und Vertretern der Partnerorganisationen Walter Ebner, Elisabeth Wappis und Sonja Sima © Weichselbraun Helmuth Kleine Zeitung

Die Leserfamilie der Kleinen Zeitung hat mit ihren Spenden in den vergangenen 25 Jahren noch ungezählte Hilfestellungen ermöglicht, die viele Betroffene als kleine Wunder erlebten, schien eine Verbesserung ihrer Situation doch zuvor unerreichbar. Vom Behindertenauto bis zur Mini- Intensivstation zu Hause – dafür sorgten und sorgen große und kleine Spender, große und kleine Unternehmen, Schulen, Vereine, Organisationen. In den Anfangstagen kamen Spender nicht selten persönlich in die Redaktion: wie jene Mutter mit ihren Kindern, die 14.080 Schilling gesammelt hatten; oder jene Frau, die 10.000 Schilling vom Weihnachtsgeld abgab, „weil ich ja nicht so viel für mich selbst brauche“; oder lange Jahre ein junger Oberkärntner, der für die fünf vorgestellten besonderen Härtefälle 2500 Euro einzahlte. Besonders berührend ist, wenn Menschen wieder etwas zurückgeben, denen irgendwann geholfen wurde.

Barspenden sind lange vorbei, seit 2010 ist „Kärntner in Not“ ein eingetragener, spendenbegünstigter Verein und dementsprechend professionell aufgestellt. Susanne Koschier (seit 2008) und Albert Lesjak (seit 2012) bearbeiten mit Akribie und Herz Hunderte von Ansuchen pro Jahr, mit beiden durfte ich noch bis 2022 im Vorstand eng zusammenarbeiten. Ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen kontrolliert die Tätigkeit des Büros und konnte bis heute stets tadellose Arbeit bestätigen. Daran sollte denken, wer über Hilfsansuchen im Internet stolpert, welche zwar die Tränendrüse rühren, deren Authentizität aber nicht überprüfbar ist.

Partnertreffen der wichtigen Plattform gegen die Armut
Partnertreffen der wichtigen Plattform gegen die Armut © Weichselbraun Helmuth Kleine Zeitung

Nach anfänglicher Zögerlichkeit entwickelte sich mit den Partnern tatsächlich die erhoffte „große Koalition“ gegen die Armut im Land. Das Netz der Hilfestellung konnte noch enger geknüpft werden, die Bündelung von Kräften schafft bei Unterstützungen in außergewöhnlichen Fällen ganz andere Möglichkeiten.

Bin ich auch zufällig in das Projekt „Kärntner in Not“ geschneit, so sollte es dennoch in meinem Leben tiefe Spuren hinterlassen. Eine Idee hinter dieser Aktion war auch, Bewusstsein für Armut zu schaffen, für Solidarität, aufzuzeigen, wie schnell das Schicksal auch Wohlhabende in den Abgrund reißen kann. Ich habe dies aus tiefstem Herzen in so mancher Kolumne angemahnt, weil ich die Bedeutung fast täglich vor Augen geführt bekommen habe. Solche Erfahrungen führen zu Erdung und Demut.

Und vieles hat mich bereichert. Ich bin wunderbaren Menschen begegnet. Einerseits großherzigen Helfern und Spendern. Andererseits Menschen, die einem mit der Kraft, mit der sie mit schier unglaublichen Schicksalsschlägen umgehen, Zuversicht schenken.

Übrigens: Chefredakteur Reinhold Dottolo hat mich nicht nur in diese herausfordernde Aufgabe gestoßen, er hat mich dabei auch vom ersten Tag an eng begleitet. Jedes Ansuchen – Vieraugen-Prinzip! – wurde auch von ihm abgezeichnet. Das hat ihm einen profunden Blick auf die soziale Situation im Land verschafft und seine interne Unterstützung war entscheidender Faktor für den Erfolg von „Kärntner in Not“.  

Wolfgang Rausch hat im Spätherbst des Jahres 2000 die Hilfsaktion „Kärntner in Not“ entwickelt und bis April 2008 geleitet