Der Tarviser Wald ist mit seinen 24.000 Hektar und einem Umfang von rund 168 Kilometern das größte Waldstück Italiens, das direkt vom Staat betreut wird. Seit rund zehn Jahren fällt der im Grenzgebiet zu Kärnten und Slowenien gelegene Wald in die Zuständigkeit der Carabinieri, genauer gesagt deren Abteilung für Biodiversität.
Jetzt ist ein Streit zwischen der als Forstbehörde zuständigen Abteilung der Carabinieri und rund 650 Haushalten eskaliert, die ein seit Jahrhunderten bestehendes Servitutsrecht im Waldgebiet besitzen. „Früher räumten wir Streitigkeiten in Gesprächen aus. Seit gut zwei Jahren geht das nicht mehr. Wir haben uns jetzt die Mühe gemacht, die Geschichte unseres Nutzungsrechts anhand der in den Schubladen unserer Bauernhäuser noch auffindbaren Dokumente aufzuarbeiten“, sagte Giorgio Pippan, Vorsitzender der Nachbarschaftsvereinigung von Coccau bei einem Krisentreffen der Servitutsgemeinschaften. Zu dem Treffen kamen Dutzende Interessierte. Sie unterzeichneten eine Petition, die dem italienischen Innenministerium übergeben wird.
Streit um die Art der Nutzung des Waldes
Darin wird unter anderem der Rücktritt des Leiters der Biodiversitätsabteilung der Carabinieri gefordert.
Doch worum geht es bei dem Streit? Die Kanaltaler haben seit Jahrhunderten Nutzungsrechte für den Wald – sei es für Brenn- und Bauholz, aber auch als Holz für die Errichtung und Sanierung von Sakralbauten, und verkaufen dürfen sie das Holz auch. Etwaige Einnahmen durch Holzverkauf müssen dem Haus zugeführt werden. Einer der Streitpunkte ist, ob diese Häuser mit Dach und Fenstern ausgestattet und somit bewohnbar sein müssen und ob eine Heizung vorhanden sein muss. Das dürfte nicht bei allen dieser Häuser so sein. Man wird sehen, wie es diesbezüglich weitergeht. Aber das ist nicht der einzige Konfliktpunkt.
„Seit einigen Jahren gibt es nun eine Regelung, nach der die Forstbehörde ab einer gewissen Menge gefällter Bäume mit einem Formular zu verständigen ist. Das mit dem Formular funktioniert nicht so, wie wir das wollen. Uns passen aber unter anderem auch die Vorgaben des Leiters der Biodiversität der Tarviser Carabinieri zur Bekämpfung der Borkenkäfer nicht. Wir können betroffene oder gefährdete Bäume nicht entfernen. Früher haben wir daraus Brennholz gemacht. Jetzt bleibt es liegen“, so Matteo Preschern, Vizepräsident der Nachbarschaft Ugovizza. Der Wald verfaule zur Freude der Borkenkäfer. Es gehe aber auch um die Möglichkeit, wirtschaftlich arbeiten zu können.
Letztendlich wird bei dieser Streiterei vor allem eines klar: Alle sorgen sich um ihren Lebensraum, den Wald. Auch wenn die Ansichten unterschiedlich sind. So dürfte auch eine Unterschriftenliste im Kanaltal in Umlauf sein, die all jene unterzeichnen, die mit der derzeitigen Leitung der Carabinieri-Abteilung sehr zufrieden sind. Die Behörde verfolge die aktuellsten gesetzlichen Vorgaben zur Borkenkäfer-Frage heißt es. Die Bestimmungen, wer welche der zur Bearbeitung anstehenden Waldparzellen dann als Einsatzort erhalte, komme direkt versiegelt zu den Servitutsberechtigten und werde nach dem Zufallsprinzip verteilt.
Dass der Borkenkäfer nicht vor irgendeiner Staatsgrenze Halt macht, steht außer Frage.
Die bäuerliche Gemeinschaft von Ugovizza hat übrigens rund 120 Kühe und einige Pferde auf Weiden auf der Nordseite der Alpen in der Kärntner Gemeinde St. Stefan im Gailtal stehen. „Weil die Servitutsrechte ja lange vor der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gezogenen Staatsgrenze galten, haben wir diese Rechte auch auf dem jetzt österreichischen Territorium, wobei ein Wald auch unser Eigentum ist“, so Preschern.
Mit Österreich verwurzelt ist auch der aus der Toskana stammende Leiter der Tarviser Biodiversitäts-Abteilung, der in der Toskana selbst einen Wald besitzt. Er studierte zwei Jahre an der Universität für Bodenkultur, der Boku in Wien; seine Frau ist Steirerin und die beiden Söhne sind deshalb zweisprachig aufgewachsen.
Jetzt warten wohl alle gespannt auf ein Treffen der höchsten politischen Vertreter der Region Friaul-Julisch Venetien, das vor Ende des Monats anberaumt ist. Die Region hat innerhalb Italiens einen autonomen Status und kann dadurch erheblich zur Lösung des Konfliktes beitragen.