Der Hotel-Neubau an der Uferpromenade, der sich um das von Touristen heißgeliebte Castelletto („Schlösschen“) wickelt wie ein nasses Badehandtuch, wird nun auch im Rathaus debattiert, es gibt sogar einen Brandbrief der Opposition. Das wurde auch Zeit, denn die Bauarbeiten haben schon vor Monaten begonnen.
„Es ist wenig sinnvoll, so einen Bau geschehen zu lassen und sich danach bei einem Glas Wein in der Bar über die nächste Betonsünde zu beschweren“, mahnt der Oppositionsführer, und der Stammtisch an Pinos Bar zuckte kurz zusammen. Ja, über was soll man denn sonst reden? Übrigens liegen die Pläne ja nicht erst seit vorgestern bei der Gemeindeverwaltung, sondern waren ganz bestimmt auch schon eingereicht, als die Opposition noch in der Regierungsverantwortung war.
Dazu muss man auch sagen, dass die meisten Einheimischen den Bau gar nicht so schlimm finden. Selbst örtliche Linke, vom Autor befragt, finden den Neubau nicht tragisch: „Ja, sollen sie denn was Altes bauen?“ Hinter dem Projekt namens „Sans Souci Seascape“ (29 Zimmer mit Meerblick, Infinity Pool auf dem Dach) steckt die österreichische Sans Souci Group von Norbert Winkelmayer. Der Unternehmer und Kunstsammler plant, so wird gemunkelt, noch weitere Projekte in Grado. Denn die Spezialität seiner Firma ist es ja, Verkommenes neu erstrahlen zu lassen. Und wohl jedem von uns fallen doch so einige Häuser in Grado ein, die eine gründliche Überarbeitung – oder einen konsequenten Totalabriss – verdient hätten.
Das Castelletto
Die Gastronomen in Grado haben viel konkretere Probleme und spannen derzeit fleißig Schnüre: Die sollen gegen die Möwen schützen, denn die sind in den letzten Jahren immer dreister geworden. Christian, Besitzer der Beach Bar Al Faro, bietet die ungewöhnlichste Erklärung: Früher, sagt er, gab es in Grado hundert Fischerboote, die immer von gewaltigen Möwenschwärmen begleitet wurden. Nun, wo es nur noch vierzig Fischerboote gibt, müssen die Möwen eben andere Nahrungsquellen anzapfen, darunter schlecht geschlossene Mülleimer, Eiswaffeln unbedarfter Vorschulkinder, Christians köstliche Häppchen.