Personalengpässe, Patienten-Aufnahmestopps, Stress, Druck, fehlende Zeit für Gespräche mit den Menschen und ausgebrannte, kranke Pflegekräfte, die ihren Beruf aufgeben – in regelmäßigen Abständen hört man in Kärnten Hilferufe wegen angeblicher untragbarer Zustände in Kärntner Alten- und Pflegeheimen. Die Politik kalmiert. Daher haben wir Kontakt mit Personen aufgenommen, die an der Front, also am Patienten, arbeiten. Und die Situation ist weit dramatischer als angenommen.

Verena Primig (44) ist diplomierte Krankenschwester, seit 25 Jahren im Beruf verankert. Erst in einem Kärntner Krankenhaus, jetzt in einer stationären Pflegeeinrichtung. Doch die laut Eigendefinition "Krankenschwester aus Leidenschaft" leidet. "Im Spital fährt einen das System fertig. Personalkürzungen, Druck von oben. Und jetzt im Pflegeheim: Familiärer, aber die Personalnot ist ein Irrsinn, auf 100 Bewohner kommen zehn Pflegeassistenten und zwei Diplomschwestern."

"Es bleibt keine Zeit"

"Es geht zu wie am Fließband, im Hintergrund wartet der Nächste", erzählt sie. "Ich will mit den Leuten, die viel Geld für die Unterbringung zahlen, reden. Ich will mich um sie kümmern, will ihnen helfen. Es bleibt keine Zeit. Die geht drauf für Bürokratie, Dokumentation, Gespräche mit Angehörigen, ich bin eine teuer bezahlte Sekretärin. Das, was meinen Beruf ausmacht, ist nicht mehr da."

Markus Prantl (49) hat mehr als 20 Jahre im Büro gearbeitet, dann den Pflegeassistenten als Traum-Beruf auserkoren. Seit zehn Jahren ist er in dem Bereich tätig. Was in Kärnten passiere, sei ein "Personalnotstand", sagt Prantl. "Stationen werden gesperrt, Betten nicht nachbesetzt, weil man die Leute nicht mehr versorgen kann. Animation? Basteln? Sich unterhalten? Fällt teilweise weg, weil Animationskräfte in der Pflege aushelfen müssen – die Zustände sind für uns psychisch und physisch untragbar. Die Belastung steigt von Jahr zu Jahr – parallel dazu steigen Krankenstandstage. Wir sind ausgebrannt, können nicht mehr."

Prantl macht auf den Generationenwechsel bei den Bewohnern aufmerksam: "Früher haben wir die Nachkriegsgeneration betreut, heute anspruchsvolleres Klientel. Wir haben nur Bewohner ab Pflegestufe vier, 80 Prozent leiden an einer Form von Demenz."

"Nackt durch den Speisesaal"

Bewohner hätten ein "Recht zu stürzen", erklärt Primig. Aber die Betreuungspersonen auch eine Verpflichtung, das zu verhindern. "Daher muss beispielsweise eine Dame, die immer wieder mit dem Rollator die Stiegen hinuntergehen will, den ganzen Tag vom Pflegepersonal mitgenommen werden." Prantl erzählt aus der Praxis: "Die Leute versuchen, Deko zu essen, laufen nackt durch den Speisesaal, verletzen sich, schlagen, treten, beißen, bespucken uns oder verletzen andere Bewohner. Ich weiß, sie können nichts dafür, aber teilweise glaubt man, man ist in einer Psychiatrie. Demente mit Pflegestufe vier benötigen oft viel mehr Betreuung als Personen höherer Pflegestufen."

Berufswechsel angedacht

Man spürt, mit wie viel Herzblut Primig und Prantl ihre Berufe ausüben. Von der Politik, von der Pflegereform sind sie enttäuscht. "Wir übernehmen Verantwortung für Menschenleben, aber bei der Politik scheitert es an ein paar Netsch für weitere Pflegekräfte und uns. Die Pflege hat keine Lobby", lautet der Tenor. Ernüchterung macht sich breit und Gedanken an ehemalige Kollegen, die alles hingeworfen und den Beruf gewechselt haben, kommen auf. "Ich kenne welche, die jetzt als Kassier im Supermarkt oder bei den ÖBB arbeiten. Ich weiß nicht, ob ich die 16 Jahre bis zur Pension in diesem Berufsfeld überlebe", sagt der Pflegeassistent. Und die Krankenschwester: "Noch weitere Jahre so weiterwursteln will ich eigentlich nicht. Es gibt die Überlegung, noch einen anderen Berufsweg einzuschlagen."