Das tödliche Drama am Großglockner, bei dem eine 33-Jährige erfror, berührt die Menschen. Bohrend stellt sich die Frage, warum von den jungen Alpinisten nicht rechtzeitig Hilfe über die Mobiltelefone angefordert werden konnte. Klar ist, Mobiltelefone können Leben retten. Mehr als 80 Prozent aller Notrufe in Österreich werden über Mobiltelefone getätigt. Gerade abseits bewohnter Gebiete kann mit ihnen in der Regel schnell alarmiert werden.
Die wichtigsten Notrufnummern in Österreich sind die 122 für die Feuerwehr, die 133 für die Polizei und 144 für die Rettung. Und wer in den Bergen Hilfe braucht, der ruft den Alpin-Notruf 140. Mit diesen vier Kurzwahlen wird man zur nächstgelegenen Leitstelle der betreffenden Einsatzorganisation weitergeleitet. „Wählt man 144, kommt man zur Rettung und nicht zur Feuerwehr oder Polizei. Das ist wichtig, weil der Disponent am anderen Ende der Leitung genau weiß, was bei medizinischen Notfällen zu tun ist und bei Erste-Hilfe-Maßnahmen anleiten kann“, erklärt Gregor Wagner vom Forum Mobilfunkkommunikation.
Richtige Nummer für schnelle Rettungskette
„In einer Notsituation am Berg rufe ich deshalb 140, denn damit erreiche ich die Bergrettung, die genau weiß, was zu tun ist. Rufe ich stattdessen bei der Polizei an, muss diese den Notruf erst weiterleiten, bevor die Rettungskette voll anläuft“, sagt Wagner. Diese länderspezifischen Telefonnummern funktionieren allerdings nur über den Netzbetreiber am Mobiltelefon. „Also in Österreich über A1, Magenta, Drei oder einen der anderen ‚Huckepackanbieter‘. Hat mein Provider an meinem Standort keinen Netzempfang, dann komme ich damit nicht durch“.
Euronotruf
Dann komme der Euronotruf 112 ins Spiel, erklärt der Mobilfunkexperte. „112 ist quasi der letzte Anker. Es ist genau genommen keine Telefonnummer, sondern ein Signal, das meldet: Ich bin in einer Notlage“. Der Notruf wähle sich in jedes empfangbare Netz ein. Habe man keinen Empfang im Netz der eigenen SIM-Karte, werde automatisch über ein fremdes Netz vermittelt. „Ein solcher Notruf wird im gesamten Mobilfunknetz mit Priorität behandelt, wenn nötig wird eine andere Verbindung sogar getrennt. Das ist bei den länderspezifischen Notrufnummern nicht überall so“, sagt Wagner. 112 funktioniere nach dem gleichen technischen Prinzip wie die nordamerikanische Notrufnummer 911. Beide Nummern seien auch nahezu weltweit nutzbar, sagt Wagner: „Egal welche man wo wählt, man wird an die nächste Organisation am Standort weitergeleitet. Ich kann also mit 112 auch in den USA, in Australien oder Asien Hilfe rufen.“
Ohne SIM und PIN
Das Signal 112 sei so konzipiert, dass es prinzipiell dafür keine SIM-Karte oder einen PIN-Code brauche. Man könne sein Telefon ausschalten, wieder einschalten und dann statt der PIN die Notrufnummer 112 eintippen. Das Mobiltelefon wähle sich dann automatisch in alle verfügbaren Netze. „Das ist auch praktisch, weil man den Notruf abgeben kann, auch wenn man möglicherweise seine PIN nicht kennt, oder diese in der Aufregung vergessen hat. Doch das ist mittlerweile nicht mehr überall möglich“, bedauert Wagner. In Österreich sei es noch möglich, aber in Deutschland wurde diese Funktion 2009 per Verordnung abgeschafft. Auch in Belgien, Bulgarien, Deutschland, Kroatien, Frankreich, Rumänien, der Schweiz, Slowenien und Großbritannien muss eine SIM-Karte eingelegt sein.
Missbrauch
Der Grund liege im Missbrauch: „Der Notruf wurde verantwortungslos ausgenutzt. Meist, wenn jemand ein gebrauchtes Handy kaufen und ohne SIM-Karte überprüfen wollte, ob es funktionsfähig war.“ Dieser vorsätzliche Missbrauch sei in den meisten Ländern der EU übrigens strafbar, warnt Wagner.
Wer in Österreich die 112 wählt, werde zu einer der neun Landesleitzentralen der Polizei weitergeleitet, die dann die zuständige Einsatzorganisation alarmieren. „Bei einem Anruf wird die Telefonnummer automatisch mitgesendet, auch wenn man die Rufnummernunterdrückung aktiviert hat. Wählt man 112 über das eigene Netz, dann wird auch der Standort weitergeleitet.“ Eine EU-Richtlinie verpflichtet die Mitgliedsstaaten dazu, dies über die GSM-Ortung oder die satellitengestützte Ortung (Advanced Mobile Location - AML) zu ermöglichen. Über AML werden WLAN und Satellitennavigation am Endgerät automatisch aktiviert, auch wenn diese am Endgerät vom Nutzer deaktiviert wurden. „Freilich ist das nur mit Smartphones möglich, ältere Mobilgeräte haben diese Funktion nicht“, sagt Wagner.
Notruf über Satelliten
Nutzer von modernen Smartphones haben auch einen weiteren Vorteil und „letzten Anker“, wenn alle Mobilfunknetze nicht erreichbar sind: „Apple bietet ab dem iPhone 14 die Möglichkeit, bei fehlendem Mobilfunknetz Notrufe über Satelliten abzusetzen. Auch einige neuere Android-Modelle haben diese Funktion bereits installiert. Wie verlässlich diese Applikationen sind, kann ich allerdings nicht beurteilen, da es noch keine Auswertungen dazu gibt, ob und wie oft Sat-Notrufe über ein Smartphone in Österreich genutzt wurden“, sagt der Sprecher des Forum Mobilfunkkommunikation.