Mit einer bewegenden Geste hat sich Papst Franziskus von seinem Vorgänger Benedikt XVI. verabschiedet. Bevor der Sarg des am Silvestertag 2022 im Alter von 95 Jahren verstorbenen emeritierten Papstes am Donnerstag in der Krypta des Petersdoms im Vatikan beigesetzt wurde, erwies der gesundheitliche angeschlagene regierende Papst seinem Vorgänger die letzte Ehre. 

Nach der Begräbnisliturgie auf dem nebeligen Petersplatz vor rund 50 000 Gläubigen segnete Franziskus den Zypressensarg mit dem Leichnam Benedikts im Stehen. Der 86-Jährige, der sich wegen eines Knieleidens vor allem im Rollstuhl fortbewegen muss, legte seine rechte Hand auf den Sarg, betete für Benedikt XVI. und verbeugte sich dann. Seine Predigt hatte der amtierende Papst im Sitzen vorgetragen, bei der Messfeier vertrat ihn der Dekan des Kardinalskollegiums, Giovanni Battista Re.

Anschließend wurde Benedikt XVI. von Kardinal Re in der ehemaligen Grabstätte von Johannes Paul II. in den Grotten des Petersdoms beigesetzt. Der Leichnam des Papstes aus Polen war nach seiner Seligsprechung 2011 in den Petersdom umgebettet worden. 

Historisch herausragendes Ereignis

Dass ein Papst seinen Vorgänger zu Grabe trägt, gilt als historisch herausragendes Ereignis. Benedikt XVI. war 2013 von seinem Amt zurückgetreten, weil er sich nach eigenen Angaben den Anforderungen seines Amtes gesundheitlich nicht mehr gewachsen fühlte. In seiner nachdenklichen und von Anspielungen geprägten Predigt, in der Franziskus nur einmal explizit auf seinen Vorgänger zu sprechen kam, lobte er Benedikts „Weisheit“, „Feingefühl“ und „Hingabe“ als Oberhirte der katholischen Kirche. „Benedikt, du treuer Freund des Bräutigams, möge deine Freude vollkommen sein, wenn du seine Stimme endgültig und für immer hörst!“, sagte Franziskus.

Der amtierende Papst lobte außerdem Benedikts „dankende Hingabe im Dienst für den Herrn“ und sprach von der „ermüdenden Last des Eintretens für andere und die Zermürbung der Salbung für sein Volk“. Der Hirte müsse sich im Amt „Kreuzungspunkten und Widersprüchen“ stellen. Damit spielte Franziskus auf die Last des Papstamtes an, der sein Vorgänger sich zum Ende seines achtjährigen Pontifikats (2005–2013) nicht mehr gewachsen fühlte und die er möglicherweise selbst gelegentlich spürt. Franziskus hat für sich selbst einen Rücktritt nicht ausgeschlossen, „die Tür ist offen“, hatte er zuletzt gesagt. 

Franziskus hob zudem Benedikts „Sanftmut“ hervor, „die fähig ist, zu verstehen, anzunehmen, zu hoffen und alles zu wagen – über das Unverständnis, das dies hervorrufen kann, hinaus“. Benedikt XVI. war nach seinem Rücktritt von konservativen Katholiken und Anhängern für seinen Rücktritt stark kritisiert worden. Nach seinem Rücktritt bezeichnete sich Benedikt als „emeritierter Papst“, behielt weiße Kleidung, bei uns ließ er sich mit „Heiliger Vater“ ansprechen.

Beschwerden über fehlende Glocken und Feiertag

Beobachter hatten das erste Begräbnis eines "Papa emeritus" durch einen amtierenden Papst mit Spannung erwartet. Im Vorfeld hatten sich Benedikt-Anhänger und katholische Traditionalisten beschwert, dass nach dem Tod Benedikt XVI. am Silvestertag die Glocken des Petersdoms nicht geläutet hatten, keine Staatstrauer verhängt wurde und im Vatikan auch kein Feiertag, wie beim Tod des amtierenden Papstes üblich, ausgerufen wurde. Die Begräbnisfeier auf dem Petersplatz glich jedoch in weiten Zügen der Feier, wie sie Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. zuteil geworden war.

In einer feierlichen Prozession bei Glockengeläut hatten zwölf päpstliche Ehrendiener den Sarg aus Zypressenholz morgens aus dem Petersdom getragen und ihn vor dem Altar auf dem Platz abgestellt. Gleichzeitig brandete Applaus der zehntausenden Gläubigen auf. Benedikts langjähriger Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein platzierte das Evangelium auf dem Sarg.

 

Bei der Messfeier war in den Gebeten an mehreren Stellen vom „emeritierten Papst“ die Rede. Unter den Gläubigen waren auch Gäste aus Bayern. Auf dem Petersplatz waren einige wenige Fahnen aus Deutschland und im Speziellen Bayern zu sehen. Aus Deutschland waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Olaf Scholz sowie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder angereist. 

Italienische Gläubige hielten ein Transparent mit der Aufschrift „Santo Subito“ in die Höhe. Forderungen im Hinblick auf eine rasche Heiligsprechung waren bereits bei Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. aufgekommen. Der Papst aus Polen wurde dann 2014 in Rekordzeit kanonisiert. „Ich glaube, es wird in diese Richtung gehen“, hatte Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein vor dem Begräbnis im Hinblick auf Forderungen nach einer Heiligsprechung Benedikts gesagt. Mehrere Kardinäle und Theologen forderten eine offizielle Ernennung des emeritierten Papstes zum „Kirchenlehrer“.

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Kritisch hingegen äußerten sich Betroffene sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch", warnte davor „die Geschichte umzuschreiben“ und sprach von „Mythenbildung“ im Hinblick auf die Rolle Benedikts XVI. Benedikt sei „der Papst, unter dem der Missbrauchsskandal „nicht länger unter der Decke zu halten war“. Er sei „nicht derjenige (gewesen), der etwa aktiv an der Aufarbeitung mitgewirkt hat“. Die Aufdeckung hätten Betroffene in den USA, Irland, Australien, Deutschland und Mitteleuropa vorangetrieben, „gegen den hinhaltenden Widerstand von Bischöfen und des Vatikans“.