In Beirut ist es zu Konfrontationen zwischen Sicherheitskräften und über die Explosionskatastrophe aufgebrachten Demonstranten gekommen. In einer durch die Detonationen verwüsteten Straße nahe des Parlaments setzten die Sicherheitskräfte am Donnerstag Tränengas gegen Demonstranten ein. Protestierende hätten Steine auf die Einsatzkräfte geworfen und Geschäfte beschädigt. Das meldete die staatliche libanesische Nachrichtenagentur NNA.

Einige Demonstranten seien bei dem Einsatz der Sicherheitskräfte verletzt worden. Die Demonstranten sehen die verheerenden Explosionen als Beleg für die Inkompetenz der Regierung - ein Vorwurf, der in der libanesischen Bevölkerung weit verbreitet ist.

Schon vor der Katastrophe hatte es immer wieder Demonstrationen gegen die Regierung gegeben, der viele Bürger auch Korruption vorwerfen. Der Libanon steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Die Krise war in den vergangenen Monaten durch die Corona-Pandemie verschärft worden.

16 Hafen-Mitarbeiter festgenommen

Die libanesischen Behörden haben mittlerweile 16 Hafen-Mitarbeiter festgenommen. Wie Militärstaatsanwalt Fadi Akiki am Donnerstagabend mitteilte, wurden im Zuge der Ermittlungen mehr als 18 Angestellte befragt, 16 von ihnen wurden in Gewahrsam genommen. Es handle sich vor allem um Mitarbeiter der Hafenverwaltung und der Zollbehörde.

Festgenommen wurden demnach auch Verantwortliche für Wartungsarbeiten und Arbeiter, die an Bauarbeiten am explodierten Hangar Nr. 12 beteiligt waren.

Durch die zwei gewaltigen Explosionen am Dienstagabend waren große Teile der libanesischen Hauptstadt schwer beschädigt worden. Nach Angaben der Behörden wurden mindestens 137 Menschen getötet und mehr als 5000 weitere verletzt. Dutzende Menschen werden noch vermisst. Explodiert waren nach den Behördenangaben 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, das jahrelang ohne die nötigen Sicherheitsvorkehrungen in einer Lagerhalle am Hafen untergebracht gewesen war. Ammoniumnitrat kann für Düngemittel oder zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

Genaue Ursache weiterhin unklar

Die genauen Ursachen der Explosionen sind noch ungeklärt. Die libanesische Regierung hat aber eine rasche Klärung der Hintergründe der Katastrophe versprochen. Ein am Donnerstag eingesetzter Untersuchungsausschuss soll binnen vier Tagen einen detaillierten Bericht zu den Verantwortlichen liefern.

Der französische Präsident Emmanuel Macron forderte bei einem
Besuch mit deutlichen Worten Maßnahmen gegen die ausufernde
Korruption im Land. Der Libanon müsse mit "starken politischen
Initiativen" gegen die Korruption und die Undurchsichtigkeit des
Bankensystems zu kämpfen, wie der 42-Jährige laut Aufnahmen des
französischen Senders BFMTV. Die "politische, moralische,
wirtschaftliche und finanzielle Krise" müsse mit "extrem schnellen
Reaktionen" bewältigt werden. Der Libanon war früher Teil des
französischen Mandatsgebiets im Nahen Osten, die beiden Länder sind
immer noch eng verbunden. In Frankreich leben heute zahlreiche
Libanesen.

Volkszorn richtet sich auch gegen Macron

Bei einer Tour durch eine zerstörte Gegend im Zentrum von Beirut
wurde der Präsident von wütenden Bewohnern empfangen. "Warum sind
Sie gekommen?", riefen einige von Balkons herunter. "Ihr seid alles
Mörder", schrie eine Frau unter Tränen. "Wo waren Sie gestern? Wo
waren Sie am Vortag? Wo waren Sie, als diese Bomben im Hafen
gelagert wurden?" Andere beschimpften den libanesischen Präsidenten
Michel Aoun als "Terrorist". Wütenden Libanesen versprach Macron auf der Straße, am 1. September wiederzukommen.

Internationale Hilfe läuft an

Indes lief die internationale Hilfe weiter an. Die Weltgesundheitsorganisation brachte 20 Tonnen Hilfsgüter ins Land, um Hunderte Menschen mit Brand- und anderen Verletzungen zu versorgen. Die EU sagte Nothilfe in Höhe von mehr als 33 Millionen Euro zu, um etwa medizinische Ausrüstung zu finanzieren. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel riefen die Staats- und Regierungschefs der Union, darunter Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), in einem Brief zu einer verstärkten Unterstützung des Libanon auf.

Die Vereinten Nationen wollen mit mindestens neun Millionen Dollar (7,6 Millionen Euro) Soforthilfe die unmittelbare Not nach der Explosionskatastrophe in der libanesischen Hauptstadt Beirut mindern. Teil des UNO-Koordinationsstabes ist auch ein Österreicher. Der Bundesheer-Offizier Gernot Hirschmugl wollte noch am Donnerstag nach Beirut aufbrechen, um dort als Mitglied eines zwölfköpfigen Teams das humanitäre Krisen- und Katastrophenmanagement der verschiedenen internaitionalen Organisationen zu koordinieren.

Viele Krankenhäuser sind überlastet

Aus der Türkei, Griechenland, Zypern und Katar traf ebenfalls Hilfe ein. Auch Israel, das mit dem Libanon keine diplomatischen Beziehungen pflegt, will bei der Versorgung von Opfern helfen. Viele Krankenhäuser sind überlastet. Coronavirus-Tests und -behandlungen wurden in mehreren großen Krankenhäusern eingestellt.

Rettungshelfer suchten weiter nach Überlebenden. Im Einsatz waren Armeesoldaten, Mitarbeiter des Roten Kreuzes und Freiwillige. Noch immer werden dem Roten Kreuz zufolge rund 100 Menschen vermisst. "Ich warte hier, ich bewege mich nicht weg", rief eine Frau in Nähe des abgesperrten Hafens. "Mein Bruder arbeitete im Hafen und ich habe von ihm nichts gehört, seitdem es die Explosion gab."

Der frühere Besitzer des Frachtschiffs "Rhosus" wies jegliche Verantwortung zurück. Libanesische Behörden hätten der Besatzung 2013 die Weiterfahrt untersagt, die Ladung als gefährlich eingestuft und beschlagnahmt, sagte der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin der Zeitung "Iswestija". Nach seiner Darstellung begründete der Libanon damals seine Entscheidung mit fehlenden Dokumenten. Zudem hätten die Behörden Bedenken beim Transport des Stoffes gehabt, sagte er. Er sei nach einer Strafzahlung bankrottgegangen und wisse nicht, wer anschließend für die "Rhosus" verantwortlich gewesen sei.