Rechts neben dem Tunnel donnert die Lonza durch ihr enges Flussbett. Das braune Wasser schäumt. Vor dem Tunnel baut sich ein Wachposten auf. Der Mann in Orange verlangt die Papiere und knurrt: „Wir wollen hier keinen Katastrophentouristen. Nur Anrainer, Sicherheitsleute, Spezialisten und Medien dürfen weiter.“ Er beäugt die Papiere, gibt seine Einwilligung zur Weiterfahrt hinauf ins Lötschental. Es liegt im Wallis, dem urwüchsigen Kanton im Süden der Schweiz.
Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute bewachen den einzigen großen Zugang zum Sperrgebiet. Ein Uniformierter sagt streng: „Weitergehen verboten, Lebensgefahr!“. Zwei Kilometer talaufwärts türmt sich eine unheimliche grau-braune Masse auf. Der gigantische Fremdkörper, bedrohlich, lebensfeindlich, entstand am 28. Mai gegen 15.15 Uhr. Zuvor waren große Teile des Birchgletschers abgebrochen. Gespickt mit Geröll, Bäumen und Erde, polterte die Eislawine hinunter auf Blatten.
Schlimmste alpine Naturkatastrophen der Neuzeit
Der wilde Strom zerstörte Häuser, Gehöfte und Hotels, vernichtete Straßen und Wege und ließ sogar die Kirche verschwinden. Fast alle zunächst unversehrten Gebäude versanken später im zähen Brei der aufgestauten Lonza. Blatten, das erstmals im Jahr 1433 schriftliche Erwähnung fand, wurde von einer der schlimmsten alpinen Naturkatastrophen der Neuzeit heimgesucht. Der Bürgermeister Matthias Bellwald sagte: „Wir haben das Dorf verloren, aber nicht das Herz.“ Es war ein Satz, der um die Welt ging.
Mehr als eine Woche nach dem Megaschock sind fast alle Kameras abgebaut, die meisten Reporter abgerückt. Ob, wann und wie der Schuttkegel mit einem Volumen von zehn Millionen Kubikmetern abgetragen werden kann, weiß niemand. „Aufräumarbeiten sind immer noch zu gefährlich“, sagte ein Feuerwehrmann. Und die Geologen warnen vor weiteren Fels- und Schlammlawinen. Die Gefahr ist nicht gebannt.
Schmerz, Resignation und Hoffnung
Überschattet von der Ungewissheit, kämpfen sich die Menschen im Lötschental in ihr Leben zurück, schwankend zwischen Schmerz, Resignation und Hoffnung. „Frauen, Männer und Kinder leben seit Jahrhunderten im Rhythmus der rauen Natur, sie arrangieren sich mit Lawinen, Eis und Kälte“, erzählt der Lokalhistoriker Matthias Grüninger und blinzelt in die Frühjahrssonne. „In alten Zeiten war unser Tal im Winter oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten.“ Der knorrige Mann in seinen Sechzigern läuft an der Absperrung entlang und zeigt Richtung „Kleines Nesthorn“. Es ist der unheilvolle Berg, der langsam zerfiel und die Lawine auslöste. Grüninger, früher Pfarrer, liebt das Lötschental. Wegen seiner Schönheit. Wegen seiner Schroffheit. Dann verspricht er: „Die Talbewohner werden auch diese Prüfung meistern.“
Am Ortsanfang von Wiler steht das Hotel „Sporting“. Die Gaststätte ist rappelvoll. Ein Gemisch aus dem unverwechselbaren Dialekt des Lötschentals, anderen Schweizer Mundartformen und Hochdeutsch wabert durch den Saal. An einem Tisch hocken sieben Männer, kräftig, kantig. „Ja, das Donnern und Dröhnen war das Schlimmste an dem Tag, so muss sich der Weltuntergang anhören“, sagt einer. Es geht um das Staubecken in Ferden, Abfluss, Turbinen und Bagger. Und es geht um die 300 Evakuierten von Blatten. Vor dem Lawinenabgang hatten die Behörden die komplette Räumung angeordnet. Menschen, auch Kühe, Schafe und Ziegen mussten das Dorf verlassen. Nur ein 64-jähriger Mann wird noch immer vermisst.
Der Wirt zapft Bier. Er beugt sich herüber und sagt leise: „Man sieht es den Leuten an, die aus Blatten stammen.“ An einem Tisch am Fenster sitzen zwei Männer und eine Frau. „Ja, wir drei sind in Blatten geboren und haben dort gelebt, von der Wiege auf“, erzählt der 78-jährige Albert Bellwald. Sein Cousin Konstantin Lehner, 85 Jahre, nickt. Gemma Lehner, 82, faltet die Hände. Die Senioren aus dem untergegangenen Ort wirken gefasst. „Wir wollen unser Bild aber nicht in der Zeitung sehen“, macht Konstantin Lehner klar.
15 Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen
Albert Bellwald übernimmt das Wort. Der knorrige Ex-Beamte mit dem stechenden Blick berichtet von der Evakuierung. Die drei hatten 15 Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen. Sie konnten fast nur die Kleider am Leib mitnehmen. Bellwald ließ sein Haus aus dem Jahr 1676 hinter sich – und nahezu alles, was ihm noch lieb und teuer war: Fotos, Schriften, Briefe, Dokumente über Hochzeit und Geburt. Die Erinnerungen. Die Heimat. Vor zehn Jahren starb Alberts Frau, während eines Urlaubs in Österreich. „Und jetzt das“, sagt er stockend und wendet den Kopf zum Fenster.
Welche Gefühle überkommen einen Menschen, wenn er in einer späten Lebensphase ein derartiges Unglück erlebt? Gemma Lehner schaut auf. Mit traurigen Augen sagt sie: „Man zweifelt schon, auch am Glauben.“ So wie Gemma empfinden viele im Tal, besonders die Alteingesessenen. Selbst dem Pfarrer des Gebiets, Thomas Pfammater, fällt es schwer, das Unbegreifliche zu erklären. „Es passieren schlimme Sachen, wir wissen nicht, warum“, sagte er kurz nach dem Schlag gegen Blatten.
Pläne für die Zukunft
Wo sind die Pläne für die Zukunft? Seit Tagen machen entlang der Lonza die Gerüchte die Runde, ein „Neu-Blatten“ würde errichtet. Gebaut nach den neuesten Öko- und Sicherheitsstandards. Fest steht: Der Kanton befasst sich mit dem Thema. Eine „Strategiegruppe“ wurde gegründet. Doch wie lange es bis zum ersten Spatenstich dauern wird, wo etwas Neues wachsen könnte, das weiß niemand. Zumal die Dorfältesten reagieren skeptisch. Albert Bellwald sagt: „Auf Schutt kann man nichts Neues bauen.“