An diesem Wintermorgen, einen Tag bevor Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die „Neue Renaissance des Louvre“ verkündet hat, drängen sich Massen von Menschen vor der „Mona Lisa“, der meistfotografierten Frau des Instagram-Zeitalters. Eine starke Leistung für eine betagte Dame, deren Alter auf 520 Jahre geschätzt wird. Sie lächelt unbekümmert, obwohl sie Tag für Tag über 20.000 Menschen bedrängen. Die Stimmung ist wie auf einem Hauptbahnhof. Besucher mussten an diesem Morgen eine knappe Stunde anstehen, um durch die Sicherheitskontrollen zu kommen. Bis zur „Mona Lisa“ brauchten sie fünf Minuten. Im Durchschnitt verweilen sie dann drei bis vier Minuten, wobei sie sechs Meter Abstand halten müssen. Die Zeit der reinen Betrachtung beträgt 50 Sekunden, Selfie-Shooting inklusive.

All das soll sich in naher Zukunft aber ändern. Macron hat nun angekündigt, einen großen internationalen Architektenwettbewerb ausschreiben zu wollen, um den Louvre „neu zu denken, zu restaurieren und zu vergrößern“. Nicht mehr als sechs Jahre soll die Baustelle dauern. Im Jahr 2031 werde Frankreich die „Neue Renaissance des Louvre“ feiern. An der Ostfassade des über 200.000 Quadratmeter großen Gebäudes soll ein neuer Eingang entstehen, der Cours Carré soll unterkellert werden, um neue Räume zu schaffen und die Museumslobby unter der berühmten Glaspyramide zu entlasten.

„Mona Lisa ist enttäuschendstes Meisterwerk weltweit“

Streitpunkt zwischen dem Élysée-Palast und der Leitung des Louvre war, ob die „Mona Lisa“ ihren eigenen Parcours und Saal bekommen soll. Die Museumsdirektorin Laurence des Cars hat sich mit diesem Wunsch aber offensichtlich durchgesetzt. Über die Summe des Neu- und Umbaus wurde bisher nur spekuliert. Macron sagte lediglich, das „Projekt ist realistisch und finanzierbar“. Es soll durch Eintrittspreise, Museumslizenzen wie in Abu Dhabi, Mäzenatentum und auch staatlich finanziert werden. Dazu beitragen soll auch eine neue Tarifpolitik. Ab Jänner nächsten Jahres werden Besucher aus außereuropäischen Ländern höhere Eintrittspreise bezahlen müssen als Franzosen und EU-Bürger. Sie machen Dreiviertel der Besucher aus, Amerikaner bilden die größte Gruppe. Macron hat diese „neue Renaissance“ vor Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde verkündet, das eine Onlineplattform nach Auswertung unzähliger Besucherkritiken im Vorjahr zum „enttäuschendsten Meisterwerk weltweit“ erklärt hat. Das dürfte nicht nur an seinem Format liegen, sondern vor allem an den Umständen der Besichtigung.

8,7 Millionen Besucher wurden vergangenes Jahr im Louvre gezählt. Dreiviertel von ihnen kommen erklärtermaßen nur, um die „Mona Lisa“ zu sehen. Ende der 1980er Jahre, als der damalige Präsident François Mitterrand sich mit der Glaspyramide von Ming Pei ein Denkmal schaffen und das Museum grundsanieren ließ, zählte man drei Millionen jährlich und rechnete in der Zukunft mit vier. Das klang ehrgeizig, aber es gab keine Billigfluggesellschaften und das Wort „Overtourism“ stand noch nicht im Wörterbuch. Dass man Besucher eines Tages auf Waffen untersuchen muss, stellte sich auch niemand vor.

Zu wenig Toiletten

Gut drei Jahrzehnte später beschreibt die Direktorin des Louvre den Besuch ihres Hauses als eine „körperliche Prüfung“. „Es dauert, bis man zu den Werken gelangt und ist oft mit Anstrengung verbunden. Den Besuchern bietet sich keine Gelegenheit, eine Pause zu machen. Das Essensangebot, die Zahl der Toiletten ist unzureichend und unter internationalen Standards. Die Ausschilderung muss überdacht werden“, schrieb des Cars in einem Brandbrief.

Wahlsieg gefeiert

Macrons Masterplan soll Abhilfe schaffen. Der Präsident, der innenpolitisch entmachtet ist, findet nach der unerwartet schnellen und viel beachteten Restaurierung von Notre-Dame in der Rettung des Louvre eine neue Aufgabe und Gelegenheit, an seinem kulturellen Nachlass zu arbeiten. „Der Präsident ist Garant der langen Dauer“, formuliert es ein Berater aus dem Umfeld Macrons, eine Anspielung auf den Begriff des Historikers Fernand Braudel, der den Ereignissen und politischen Umbruchphasen weniger Bedeutung zumaß als den langen historischen Prozessen. Macron hatte seinen ersten Wahlsieg im Louvre gefeiert. Ihm hätte es sicher gefallen, die Renaissance im Eilschritt voranzutreiben und das Museum vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit einzuweihen. Aber zwei Jahre, das ist selbst für Macron utopisch.