„Nicht kleinzukriegen!“ Mit dieser Schlagzeile macht „Charlie Hebdo“ seine Sonderausgabe zum zehnten Jahrestag des Attentats gegen die Redaktion der Satirezeitschrift auf, die an diesem Dienstag erscheint. Die Überlebenden bleiben ihrer atheistischen, antiklerikalen Haltung treu und haben in ihrem Sonderheft 40 Karikaturen zum Thema „Über Gott lachen“ publiziert, die „wirksamsten und gelungensten“ von 350 Einsendungen eines internationalen Wettbewerbs, den „Charlie Hebdo“ zuvor ausgeschrieben hat.
Doch allein diese eher bescheidene Zahl der Teilnehmer zeigt, wie es um die Profession und die Meinungsfreiheit in der Welt bestellt ist. Zehn Jahre nach dem Attentat weiß jeder Zeichner, welches Risiko er mit einer Mohamed-Karikatur eingeht. Die „New York Times“ verzichtet seit 2019 ganz darauf, politische Karikaturen zu veröffentlichen. Und wer wie Ann Telnaes, die Starzeichnerin der „Washington Post“, die amerikanischen Tech-Milliardäre beim Werben um die Gunst von US-Präsident Donald Trump zeigt, zieht ebenfalls den Kürzeren. Ihr Cartoon wurde nicht veröffentlicht, weil Jeff Bezos, Inhaber des Blattes, ihn scheinbar nicht komisch fand. Zum ersten Mal sei ihre Arbeit wegen ihrer Kernaussage abgelehnt worden, sagte die Pulitzerpreisträgerin, die darin eine „Gefahr für die freie Presse“ sieht und kündigte.
Mit Gewehren in die Redaktion
„Für Ideen zu sterben, ist bekloppt. Noch bekloppter ist es, für Ideen zu morden“, pflegte Wolinski zu sagen, wie sie ihn bei „Charlie Hebdo“ kurz nannten, nichtsahnend, dass es genauso kommen würde. Am Vormittag des 7. Jänner 2015 waren zwei mit Sturmgewehren bewaffnete Islamisten in die Pariser Redaktionsräume der Satirezeitschrift eingedrungen. Elf Menschen haben sie im Gebäude erschossen, auf der Flucht einen Polizisten ermordet.
Die Zeichnerin Coco, Corinne Rey mit bürgerlichem Namen, die gezwungen wurde, die Attentäter hineinzulassen, beschreibt zehn Jahre später die nie vergehenden Schuldgefühle und das Ohnmachtsgefühl. „Alles war unverhältnismäßig. Ihr Hass, unser Pazifismus. Ihre Waffen, ihre Monstrosität, wir mit unserer Feder, unseren Filz- und Bleistiften, um unsere Ideen zu verteidigen und zu lachen“, sagt sie im Interview mit „Le Monde“ und spricht von einem „wahren Schock der Zivilisationen“.
Wendepunkt für Frankreich
Das Attentat gegen „Charlie Hebdo“ markiert in Frankreich einen Wendepunkt. Nichts war mehr wie zuvor. Noch am selben Tag war der Slogan „Je suis Charlie“ geboren. Am Wochenende darauf demonstrierten in Paris geschätzte zwei Millionen Menschen für die Meinungsfreiheit, an der Spitze mehr als 40 Staatschefs. Es waren so viele auf der Straße, dass die Demonstration keine „Marche républicaine“ war, sondern ein Stehen für Werte, weil der Zug nicht vorankam. Mit über vier Millionen Teilnehmern im ganzen Land handelte es sich um die größte Demonstration in der Geschichte Frankreichs.
Doch obwohl Frankreich geeint blieb, zeichneten sich schnell Brüche ab, die bis heute zu spüren sind. Bernard Cazeneuve, zum Zeitpunkt der Attentate sozialistischer Innenminister, resümiert es im Nachhinein so: „Frankreichs Rechtsextreme versuchen, aus den Muslimen Verdächtige zu machen, während die extreme Linke sie zu rechtmäßigen Opfern erhebt, die sich gegen die republikanische Ordnung wehren, weil die Laizität oft als ein Auslöser ihrer Diskrimination dargestellt wird.“
Grundrecht Meinungsfreiheit
Dreiviertel der Franzosen sind der Auffassung, dass die Meinungsfreiheit ein Grundrecht sei und die Freiheit der Karikatur dazugehöre, das ist das Ergebnis einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IFOP. Die Zahlen waren vor zehn Jahren niedriger. Doch bei den Jüngeren liegen die Ergebnisse anders. Knapp die Hälfte der unter 25-Jährigen haben Verständnis dafür, dass man sich über die Cartoons empören kann. Wer wie die Reporterin des Nachrichtenmagazins „Le Nouvel Obs“ auf die Idee kommt, in den Pariser Vororten junge Menschen mit Migrationshintergrund nach ihrer Meinung zu den Mohamed-Karikaturen zu befragen, läuft gegen eine Mauer des Schweigens. Ein Student der Eliteuniversität Sciences Po, einer der wenigen, der in der Reportage „Immer weniger Charlie“ seinen Namen nennt, beschreibt, wie ihnen als Schülern die Meinungsfreiheit eingetrichtert worden sei, als eine Art Graal, den es koste, was wolle, zu verteidigen gelte und von dem er sich dank der Woke-Kultur distanziert habe. Er fordert „Schattierungen“ und stellt „Charlie Hebdo“ in die „reaktionäre“ Ecke. Eine Zuordnung, bei der sich einige der Opfer im Grabe umdrehen dürften.
Einen Wendepunkt markiert der 7. Januar 2015 nicht zuletzt, weil schnell klar wurde, dass die Attacke auf „Charlie Hebdo“ erst der Anfang einer langen Reihe von Attentate war. In den Tagen darauf wurde eine Polizistin, schließlich vier Menschen bei einer Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt ermordet. Im November desselben Jahres folgten die Attentate auf das Konzerthaus Bataclan, die Terrassen der Bistrots und das Stade de France. Im Juni 2016 tötete ein islamistischer Attentäter in einem Lkw 85 Menschen auf der Strandpromenade von Nizza. Es folgte die Ermordung eines Priesters, eines Polizistenpaares bei sich zu Hause, ein weiteres Attentat in einer Kirche in Nizza, bis die Islamisten gezielt Lehrer ins Visier nahmen. Im Oktober 2020 wurde Samuel Paty enthauptet, drei Jahre später sein Kollege Dominique Bernard ermordet.
Harter Kampf für die Überlebenden
Nicht kleinzukriegen, der Geist von Charlie? Für die Überlebenden bleibt jeder Tag ein Kampf. Die erste Kugel der Brüder Kouachi in der Redaktion hatte Simon Fieschi getroffen, der als Webmaster am Eingang saß, sie traf seinen Hals, durchbohrte die Lunge, verletzte das Rückenmark und trat durch ein Schulterblatt wieder aus. An einer Krücke stehend, sieben Zentimeter kleiner, hatte er 2020 im Prozess ausgesagt. „Manchmal sehe ich das Glas halb voll, weil ich am Leben bin und weil die Zeitung weitermacht. Über das halbleere Glas lasse ich mich hier besser nicht aus“, sagte er damals. Er wollte kein Opfer sein, weil diese Rechte hätten, „Überlebende haben Pflichten“. Vor wenigen Wochen wurde Fieschi tot in einem Pariser Hotelzimmer aufgefunden. Er war das erste und ist zehn Jahre später das hoffentlich letzte Opfer von „Charlie Hebdo“.