Bei dem heftigen Erdbeben vor der Ostküste Taiwans sind neun Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl der Verletzten stieg am Mittwochabend (Mitteleuropäischer Zeit) laut der nationalen Feuerwehrbehörde auf mehr als 1000. 143 Personen waren zudem noch in Gebäuden in der am stärksten betroffenen Stadt Hualien an der taiwanischen Ostküste eingeschlossen. Auch diese Zahl wurde nach oben korrigiert. Es gab mehr als 1100 Unfälle, etwa durch Schäden an Gebäuden oder Infrastruktur.

In der Früh (Ortszeit) hatte ein sehr starker Erdstoß wenige Kilometer vor der Ostküste die gesamte Insel mit mehr als 23 Millionen Einwohnern erschüttert. Die taiwanesische Wetterbehörde registrierte eine Stärke von 7,2 in wenigen Kilometern Tiefe, während die US-Erdbebenwarte und Geosphere Austria 7,4 verzeichneten. Mehrere Nachbeben folgten.

In Hualien kamen zumindest vier Menschen ums Leben. Das Beben ließ in der Stadt Wohnhäuser zum Teil einstürzen oder in bedrohliche Schieflage geraten. Ein ähnlich starkes Erdbeben hatte sich 1999 ereignet und führte damals zu mehr als 2.400 Toten. Damals lag das Epizentrum im Zentrum der Insel. In Taiwan bebt die Erde immer wieder, weil die Insel am Rand zweier tektonischer Platten liegt.

Mehr als 100 Nachbeben

Über mehrere Stunden warnten Taiwan, China, Japan und die Philippinen vor Tsunamis, ehe die Warnungen gelockert beziehungsweise aufgehoben wurden. In ganz Taiwan richteten die Erschütterungen schwere Schäden an Häusern an und ließen sie zum Teil einstürzen. Innerhalb von acht Stunden nach dem Beben wurden insgesamt mehr als 100 Nachbeben registriert.

Vielerorts fiel der Strom aus, Fabriken stellten vorübergehend den Betrieb ein und der Nah- und Fernverkehr wurde unterbrochen. Am Vormittag (Mitteleuropäischer Zeit) hatte Taiwans Energieversorger entsprechenden Berichten zufolge die Stromversorgung in den meisten Haushalten wiederhergestellt. Wie die offizielle taiwanesische Nachrichtenagentur CNA berichtete, hatten laut der staatlichen Taiwan Power Company knapp 367.800 Haushalte am Mittwochnachmittag (Ortszeit) und damit 99 Prozent wieder Strom. Von den 3500 Einheiten, in denen noch keine Elektrizität vorhanden war, lagen demnach rund 2400 im Kreis um die Stadt Hualien.

„Es war das schwerste Erdbeben, das ich je erlebt habe“

Taiwans künftiger Staatspräsident Lai Ching-te machte sich ein Bild von den Folgen des Bebens. Vor einem eingestürzten Haus in Hualien drang er auf Eile bei der Rettung. Dies habe derzeit oberste Priorität. Lai, der im Mai sein Amt antreten soll, erklärte, die Zugverbindung in die Region Hualien werde am Donnerstag wieder aufgenommen.

Laut der Luftwaffe wurden sechs F-16-Kampfjets leicht beschädigt, dürften aber bald wieder einsatzbereit sein. Von einem Stützpunkt in Hualien werden immer wieder Jets zur Überwachung von Flugzeugen der Volksrepublik China losgeschickt. Die Führung in Peking betrachtet das demokratisch regierte Taiwan als eine abtrünnige Provinz, die Spannungen sind hoch.

Das Beben ereignete sich gegen 8.00 Uhr Ortszeit, als viele Menschen sich gerade auf den Weg in die Arbeit oder in die Schule machten. „Es war das schwerste Erdbeben, das ich je erlebt habe“, sagte die Betreiberin einer Pension in der Stadt Hualien. Sie habe sich sehr bemühen müssen, ihre verängstigten Gäste zu beruhigen.

Österreicher erlebten Beben mit

In Tainan und somit im Südwesten Taiwans hat der Wiener Raoul Korner das Erdbeben miterlebt. In der Früh sei eine Nachricht mit einer Warnung aufs Handy gekommen, ehe es etwa eine Minute später „losgegangen“ sei. In der sechstgrößten Stadt der Insel hätten die Erschütterungen die Stärke fünf erreicht. Gebäude seien hier seines Wissens nach nicht beschädigt worden, so Korner.

Er sei „im 24. Stock daheim“ und „im Bett ganz schön hin- und hergeschaukelt“ worden, sagte der Wiener, der seit Ende Jänner als Basketballtrainer bei den Tainan Ghosthawks tätig und am Dienstag 50 Jahre alt geworden ist. Das sei „abenteuerlich“ gewesen, man könne „wirklich seekrank“ werden, schilderte Korner. Auf einem Video ist zu sehen, wie eine Lampe in seiner Wohnung heftig wackelt. Er habe „keine große Dekoration“, daher habe auch nichts herunterfallen können. Bilder oder Vasen hätte es bei den Erschütterungen aber „schon runtergeschmissen“, mutmaßte der Trainer.

In einem Tunnel wurden laut offiziellen Angaben vorübergehend zwei deutsche Staatsbürger eingeschlossen. Die beiden befanden sich demnach im Chongde-Tunnel, der im Taroko-Nationalpark liegt. Sie wurden am Abend (Ortszeit) befreit. Der Nationalpark liegt nördlich der Stadt Hualien.

Nach Angaben des Außenministeriums in Wien gab es bis Mittwochmittag keine Hinweise darauf, dass österreichische Staatsbürger durch das Beben in Mitleidenschaft gezogen worden wären, sagte der Sprecher des Ministeriums, Clemens Mantl, auf Anfrage der APA. Man stehe mit den Behörden in Taiwan laufend in Kontakt. Unterdessen hat EU-Ratspräsident Charles Michel seitens der Europäischen Union Unterstützung angeboten. Die EU sei bereit, jede erforderliche Hilfe zu leisten.