Ute Baumhackl.
Aufreger.
Doris Uhlichs „Pudertanz“ zeigte zum Auftakt der Kulturhauptstadt Ischl, wie Kunst am besten stört.
Bühne. Nicholas Ofczarek, Franui und Bernhards „Holzfällen“ am Wiener Burgtheater. Man saugt jedes Wort, jeden Ton auf.
Kunst. Auf der sonst zu gut gemeinten Biennale Venedig machte Wael Shawkys Kolonialgeschichte-Show im Ägypten-Pavillon fesselnd Schluss mit dem Eurozentrismus.
Film. „Mit einem Tiger schlafen“: Anja Salomonowitz setzt mit Birgit Minichmayr Maria Lassnig ein Großdenkmal.
Album. Kim Gordon, „The Collective“. Grandioses von einer, die keine Ruhe gibt.
Marianne Fischer
Buch. Die schicksalshafte Liebesbeziehung zwischen dem Maler Werner Berg und der Dichterin Christine Lavant, festgehalten im nun editierten Briefwechsel („Über fallenden Sternen“, Wallstein). Aufwühlende Herzenszeugnisse.
Oper. Das Stadttheater Klagenfurt zeigte Gerd Kührs hochemotionale Oper „Stallerhof“ rund um einen Missbrauch. Harte Kost, packend und kompromisslos serviert. Ein Musikdrama, das viel öfter den Weg auf die Bühne finden sollte.
Ausstellung. Robert Longos kraftvolle, überdimensionale Kohlezeichnungen sind überwältigendes Theater für die Augen. Noch bis 26. Jänner in der Albertina Wien zu sehen.
Martin Gasser
Album. „Chromakopia“ von Tyler, The Creator: Avancierter Hip Hop als Frontalangriff auf den Hörnerv.
Film. Als hätte David Lynch die TV-Serie „Buffy“ gedreht: Jane Schoenbruns Transgender-Allegorie „I Saw The TV Glow“.
Buch. „Die letzten Tage der Menschheit“ mit 1500 historischen Fotografien. Das Nebenprodukt von Paulus Mankers Karl-Kraus-Theaterwahnsinn ist ein 800-seitiger Blick in österreichische Abgründe (marstheater).
Entdeckung. Die italienische Regisseurin Ilaria Lanzino holt aus Rossinis Märchenkomödie „La Cenerentola“ in der Grazer Oper ein Maximum heraus: Unterhaltung mit Hirn.
Daniel Hadler
Buch. Ein Märchen, das im 33er-Jahr beginnt? Dem gilt es zu misstrauen. Alexander Schimmelbuschs „Karma“ (Rowohlt) ist eine Dystopie auf mehreren Ebenen, von KI-Faschismus bis Eso-Managementsprech. Ein Ritt auf der Oberfläche in den Abgrund.
Freie Szene. Ein bemerkenswertes Doppelstück lieferte das Grazer Theater Quadrat mit „Ein Körper : Mein Fließen“. Die Performance von Ninja Reichert war in ihrer Unmittelbarkeit herausragend.
Kleiner Schatz. Wenig beachtet, aber erfrischend: Das „Digithalia“-Festival am Grazer Schauspielhaus bereicherte den Theaterbegriff um alternative Perspektiven.
Andreas Kanatschnig
Comics. André Franquin hätte heuer seinen 100. Geburtstag begangen, Carlsen feierte den Erfinder von Marsupilami in vielen Jubel-Ausgaben. Craig Thompson lieferte mit „Ginseng Wurzeln“ ein monumentales Werk über sein Leben als Kind armer Farmer in den USA ab. Marc-Antoine Mathieu gelingt mit „Deep It“ ein Gedankenexperiment über die Zukunft der Welt.
Serie. Großartige und beklemmende Neu-Verfilmung: „The Day of the Jackal“ mit Oscar-Preisträger Eddie Redmayne.
Alpindoku. „Hermann Buhl - Über alle Gipfel hinaus“, eine Bergwelten-Doku über eine österreichische Legende – mit vielen Spielfilmszenen.
Susanne Rakowitz
Streaming. An „Shōgun“ (Disney+) kam man in diesem Jahr nicht vorbei. Die Neuauflage des Klassikers besticht mit Machtrausch im Disziplinierungsgewand der Samurai und starken Frauenrollen.
Ausstellung. Kunst, Kommerz und Kohle! Christoph Büchel verwandelte die Fondazione Prada in Venedig zum Kuriositätenkabinett der 1000 Botschaften. Grandios!
Buch. „Hasenprosa“ (Maren Kames, Suhrkamp). Durchgeknallte Selbstanalyse mit feinen Erkenntnissen, Vollbremsungen und einem goscherten Hasen als Reiseleiter. Eine astreine 5-Stern-Fahrt!
Shootingstar. Chappell Roan. Mehr Jetztzeit geht nicht.
Bernd Melichar
Buch. Nicht alle Kabarettistinnen können Romane schreiben, Ulrike Haidacher kann es. In „Malibu Orange“ (Leykam) rückt sie mit süffigem Sprachwitz und listigen Pointen dem holprigen Leben zu Leibe.
Konzert. Mit Charisma und Stimmvolumen hat es Adele geschafft, dass sie nicht vom Münchner Konzertmarathon-Gigantismus erdrückt wird.
Album. So viel Kraft steckt in Verletzlichkeit! Portishead-Stimme Beth Gibbons hat mit ihrem Soloalbum „Lives Outgrown“ ein berührendes, fragiles Wunderwerk geschaffen.
Film. Kate Winslet als „Die Fotografin“ Lee Miller. Weibliche Selbstbehauptung nicht nur in Zeiten des Krieges.
Julia Schafferhofer
Kino. Der Musical-Thriller „Emilia Pérez“ ist ein Film wider alle Algorithmen: wild, durchgeknallt, politisch.
Austro-Kino. Kurdwin Ayubs sinistrer Culture-Clash-Trip „Mond“: Florentina Holzinger brilliert in ihrem Film-Debüt. Langzeit-Recherche zu Übergriffen, Misogynie und Ageism im Theater; famos aufbereitet.
Album. Schön entrückend, oft besser als das Original. Soap&Skin covert auf „Torso“ Songs, die ihr etwas bedeuten.
Medium. 100 Jahre, kein bisschen leise: Radio informiert, unterhält, erfreut verlässlich.
Christian Ude
Buch. Wie Cary Davies in „Ein klarer Tag“ (Luchterhand) Gefühle und Empfindungen auf einer Shetlandinsel anno 1843 beschreibt, trifft mitten ins Herz. Und zeigt die Zerbrechlichkeit des Lebens.
Streaming. Der Kuss des Jahres in der (vorerst) zehnteiligen RomCom „Nobody Wants This“ auf Netflix. Nicht vom Titel abschrecken lassen!
Album. Star-Tenor Benjamin Bernheim singt Chansons: „Douce France“. Keine Fragen mehr, nur dahinschmelzen.
TV-Moment. Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris mit einer „Hymne à l‘amour“ von Céline Dion vom Eiffelturm aus. Ergreifend.
Tina Perisutti
Ausstellung. Neben der Biennale di Venezia bot auch der Kulturverein Grünspan in Feffernitz einen eindrucksvollen Einblick in Leben und Wirken der in Graz geborenen Susanne Wenger, die als Priesterin der Yoruba in Nigeria beachtliche Werke schuf.
Tanz. Mit Konzentration auf die Bewegung selbst, setzte Andrea K. Schlehwein bei „Negotiations in Silence“ im Stift Millstatt auch das Publikum feinsinnig in Bewegung.
Theater. Überforderung mit dem Text? Ja! Aber Anja Wohlfahrt inszenierte den assoziationsreichen Text zu Robert Musil von Effe U Knust als ein lustvolles, exzellentes Spiel am klagenfurter ensemble.