Tu täglich eine Sache, die deine Familie das Fürchten lehrt“, dieser Spruch steht auf einem T-Shirt, das Chappell Roan auf Instagram trägt. Und wir wissen: Eine gezielte Dosis Provokation, die schadet im Pop-Business bekanntlich nie. Aber es passt auch gut zu jener Erzählung, die das Fundament dieser Karriere ist und in diesem Jahr wie ein Mantra durch das Musikuniversum wabert. Eine große Erzählung nennt man das und ohne die kann man an der Börse der digitalen Aufmerksamkeit keine Punkte holen. Aber Kayleigh Rose Amstutz, die in einem rund 6000-Seelen-Dorf im mittleren Westen der USA aufwächst, die kann das. Auch, weil Teile des Bundesstaates Missouri im berühmt-berüchtigten Bible Belt liegen und die Familie von Amstutz zumindest dreimal in der Woche in die Kirche pilgert.

Wenn du jetzt aber als Jugendliche von Hollywood träumst, wo du als queere Person lieber in deinem „Pink Pony Club“ abtanzt, dann legst du treffsicher deinen Finger in die Kulturkampf-Wunde, an der sich Trump und Co. mit Genuss reiben. Und was sagt Mama zu diesem Ausbruchsversuch? „Wenn sie ihr Baby so sieht, dann wird sie schreien“, singt Kayleigh Rose Amstutz alias Chappell Roan, die sich schon in ihrer frühen Jugend in Sachen Klavier und Songschreiben pusht. Auch bei ihr wird YouTube zum Distributionskanal, den die Plattenfirmen durchforsten. Mit dem Song „Die Young“ zieht sie 2017 die Aufmerksamkeit von Atlantic Records auf sich, ein Plattenvertrag folgt, der Umzug nach Los Angeles ebenso. Doch die Rakete verpufft auf der Startrampe, dafür landet Corona, die Plattenfirma verliert das Interesse. Und Chappell Roan? Die muss zurück in den Bible Belt. Doch wo es Pop gibt, da gibt es auch Wunder: Zwei Jahre später versucht sie in der Stadt der Engel erneut ihr Glück und ihre Wege kreuzen sich mit jenen des Produzenten Daniel Nigro, der schon die Karriere von Olivia Rodrigo startklar gemacht hat.

Im September 2023 folgte das Album „The Rise and Fall of a Midwest Princess“, das so richtig erst in diesem Jahr zündete, dafür aber war die Erfolgsexplosion gewaltig: das Coachella als Warm-Up, Auftritte in TV-Shows und im Vorprogramm von Olivia Rodrigo, eine Rekordmenge an Zuschauern beim Lollapalooza-Festival. Mit „Good Luck, Babe!“ macht sie im April eine Hitrakete startklar. Mit ihrer opulenten Drag-Inszenierung trifft sie den Zeitgeist der Überinszenierung, nimmt Cyndi Lauper ebenso mit wie Lady Gaga, streift manchmal noch an ihr frühes Idol Lana Del Rey an, aber feiert dabei die 1980er-Jahre, um dann und wann mit absoluter Lockerheit eine zuckerlrosa Pophymne rauszupfeffern.

Thematisch feiert sie ihre queere Selbstfindungsreise ab und hat mit „Naked In Manhattan“ und „Femininomenon“ ihren Eltern wohl schlaflose Nächte bereitet. Dabei ist nicht gesagt, dass die 26-Jährige selbst gut schläft – zuletzt fremdelte sie mit dem Ruhm und jenen Fans, die ihr außerhalb der Musikblase zu nahe kamen, gewaltig. Doch diese Reise ist nicht mehr aufzuhalten, unlängst wurde sie gleich für sechs Grammys nominiert. Es dürfte also auch 2025 für das Mädchen aus dem Bible Belt mit Rekordgeschwindigkeit in lichte Pophöhen gehen.

Chappell Roan: „The Rise and Fall of a Midwest Princess“
Chappell Roan: „The Rise and Fall of a Midwest Princess“ © Island (Universal Music)