Ein kleiner Schritt macht es möglich: Sobald man einen Fuß auf die Terrasse des Neubaus setzt, bietet sich einem der Blick auf die scheinbar endlose Weite des dazugehörenden Grundstücks. Man sieht hinüber bis zum Wald, der die Grenze markiert. Die Ruhe der Anlage wirkt nicht nur auf die Bewohner, sondern auch auf die regelmäßigen Besucher: Am Waldrand lassen sich Rehe entdecken, die fast ihre Scheu verlieren. „Trotz der Lage in der Siedlung hat man hier das Gefühl, man ist völlig allein am Land“, sagt Architekt Bernhard Schönherr, der das Haus mit seinem Team entworfen hat. Mehr Idylle geht kaum.

Wer sich dem 2018 fertiggestellten Haus nähert, würde diese Weiten des Grundstücks vorerst nicht vermuten. Der Bau liegt eingebettet in einen Hang, der unter der vorbeiführenden Straße beginnt. Vom Auto aus kann man nur das Dach erspähen. „Geht man in das Haus hinein, ist es sehr intim – es erinnert fast an eine Höhle. Die Hinterseite wirkt auf den ersten Blick schmal“, erzählt der leitende Architekt.

Aus dieser Enge wird aber sehr schnell große Weite: Die offenen Innenräume mit ihren großen Fensterflächen eröffnen den Blick hinaus in die Natur. „Es ist das Zusammenspiel aus Weite und Enge, das den Reiz dieses Hauses ausmacht. Hier trifft Privatsphäre auf offene Gestaltung“, sagt Schönherr.

Erholung ist den Hausbesitzern hier sicher: „Man fühlt sich wie im Urlaub. Jedes Zimmer hat einen Zugang zur Terrasse“, so der Architekt. Für eine Extraportion Urlaubsstimmung sorgt auch der Infinity-Pool mit Blick auf den Wald. Er verlängert das Haus und lädt mit seinen Sitzstufen zum ausgiebigen Sonnenliegen ein. „Der Pool hat mich auch nach Jahren im Beruf fasziniert. Er ist mit einer dunkelgrauen Folie beschichtet. Diese lässt das Wasser je nach Sonneneinstrahlung in einem ganz anderen Licht erscheinen“, erzählt Schönherr.

Neben der modernen Ausstattung im Außenbereich warten im Inneren des Hauses auch klassische Elemente im ländlichen Stil: Holzbalken verlaufen quer unter der Decke. Hier wurde wie auch an vielen anderen Stellen auf natürliche Materialien geachtet: „Sie schaffen eine beruhigende Atmosphäre.“ Inspiration dafür war vor allem die Umgebung. Rund um das Haus finden sich viel landwirtschaftliche Bebauung sowie eine kleine Einfamilienhaussiedlung: „Wir wollten etwas schaffen, das modern und einzigartig ist, aber auch Elemente der Höfe rundherum enthält“, so der Architekt.

Herausfordernd war vor allem die Hanglage. „Wir bauen zwar öfters Häuser in abfallendem Gelände, aber immer mit anderen Lösungen.“ Hier wurde der Bungalow auf dem Hang aufgesetzt. Dafür wurde ein Einschnitt in das Gelände gewagt und eine Plattform hineingefräst. „In so einem Fall drückt der ganze Hang nach unten und man muss ihn mit Betonpfählen stützen – schon fast wie bei einem Straßenbau“, erklärt Schönherr. Die Betonpfähle wurden dann mit Holz-Rankgerüsten verkleidet.

Leitender Architekt Bernhard Schönherr (rechts) und die Architekten Herwig Kleinhapl und Mark Jenewein.
Leitender Architekt Bernhard Schönherr (rechts) und die Architekten Herwig Kleinhapl und Mark Jenewein.
© (c) Tamara Frisch

Hölzerne Elemente finden sich auch am Dach wieder. Die Stahl-Holz-Konstruktion kommt ganz ohne Stützen auf der Terrasse aus, welche die Sicht versperren könnten. „Dadurch, dass man das Dach von der Straße aus sehen kann, ist es quasi die fünfte Fassade des Hauses.“ Diese erinnert an den Boden einer Terrasse: Unbehandelte Holzlatten decken das Dach. Auch die hoch geknickten Seiten der Konstruktion geben ihm einen einmaligen Look.

Bis der Bungalow in seinem heutigen Glanz erstrahlen konnte, war es ein weiter Weg, der vor allem durch enge Zusammenarbeit zwischen den Bauherren und den Architekten geprägt war. „Für mich ist es sehr schön, für Privatpersonen zu planen. So nah am Kunden ist man sonst nie. Es bedarf eines genauen Zusammenarbeitens, damit die Wünsche der Kunden und die Vorstellung der Architekten zusammenfließen können“, sagt Schönherr.


Um diesen Wünschen der Auftraggeber bestmöglich gerecht zu werden, wurden zu Beginn mehrere verschiedene Entwürfe angefertigt, die sehr unterschiedlich waren: darunter unter anderem auch mehrgeschossige Optionen. Auch bei der Lage des Hauses im Hang wurde einiges ausprobiert. Eines war allerdings bei allen Varianten gleich: die Ausrichtung des Hauses nach Süden. Hier war klar, dass die Sonne bestmöglich in die Räume fallen soll.

„Wir hatten hier aufgrund der Größe des Grundstücks unzählige Möglichkeiten“, so Schönherr. Welcher Entwurf am Ende als Sieger vom Platz ging, war für den Architekten dann aber wenig überraschend: „Meist tippen wir vorab schon richtig, was gewinnen wird.“ Das Ausprobieren sei aber trotzdem ein unumgänglicher Schritt im Prozess: „Durch das Durchdenken unterschiedlicher Möglichkeiten ist man sich am Ende dann wirklich sicher, dass man das Richtige tut.“

Zwischen Land- und Stadtleben

Die Wahl fiel schließlich auf den Bungalow mit rund 245 Quadratmeter Wohnfläche. Genug Platz also für die beiden Bewohner und den Hund des Hauses. Für die Bauherren dürfte es eine Erleichterung gewesen sein, sich schließlich auf einen Entwurf festzulegen. Das Grundstück war schon zuvor einige Zeit in ihrem Besitz gewesen. Ausschlaggebend für den Kauf war auch die Lage: Graz ist mit dem Auto schnell zu erreichen und dennoch kann man hier das ländliche Leben genießen.

Dass sich die Bewohner für eine Bungalowvariante entschieden haben, birgt laut dem Architekten auch platzmäßig einige Vorteile: „So geht kein Raum für Treppen verloren. Es ist wie ein großes Loft.“ Der Innenraum erinnert in seiner Aufteilung ein wenig an eine Scheune. Einzelne Boxen dienen als Zimmer – davon manche ganz geschlossen für ausreichend Privatsphäre und andere teilweise durch Glaselemente mit der übrigen Wohnfläche verbunden. Der mit Abstand größte Raum ist der offene Wohn-, Ess- und Küchenbereich, der direkt hinaus zum Pool führt. Neben zwei gleich großen Zimmern steht auch noch der „Masterbedroom“ inklusive Ankleide zur Verfügung.

Die Innenausstattung fügt sich durch seine Schlichtheit perfekt in die Räume ein – bei den meisten Möbelstücken lassen sich Holzelemente entdecken. Und auch der Holzboden bringt die Natur, die vor den Fensterflächen wartet, direkt in die Räume hinein. Zwar hat die Familie ihr Haus selbst eingerichtet, jedoch wurde auch dabei vonseiten der Architekten beraten: „Wenn die Zusammenarbeit gut funktioniert, entsteht daraus so etwas wie eine Freundschaft. Wir sind auch immer wieder vor Ort.“ So bleiben die Hausherren stets im direkten Austausch mit den Architekten.

„Für jemanden zu planen, der nicht nur Auftraggeber, sondern auch Bewohner ist, hat eine ganz eigene Direktheit“, so Schönherr. „Der Prozess wird dadurch intensiver und nimmt mehr Stunden in Anspruch. Wert ist es das allemal, denn es gibt nichts Schöneres als begeisterte Bauherren.“

Am Ende waren nicht nur die Hausherren vom Ergebnis überzeugt. Die Architekten duften sich über zwei Auszeichnungen freuen. Der Bungalow schaffte es auf die Liste der „Häuser des Jahres“ des Callwey-Verlags. Damit werden jedes Jahr die 50 interessantesten und ästhetisch ansprechendsten Wohnbauten im deutschsprachigen Raum bedacht. Außerdem gewann das Team mit dem Bungalow den „BigSEE Architecture Award 2020“ in der Kategorie Residential Architecture.

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