Der Weckruf für Europa kam nicht aus Brüssel, sondern aus Moskau, Peking und Washington – aus jenen Hauptstädten der Großmächte, die die lange bequeme Weltordnung des Kontinents erschüttern. Zurück bleibt ein Europa im Aufbruch, das seine Abhängigkeiten zunehmend erkennt.
Wirtschaft, Digitalisierung und Sicherheit
Europa müsse daher „neu gedacht“ werden, ist man bei den Kärntner Raiffeisenbanken überzeugt, und setzt mit dem diesjährigen Leitthema des Konjunkturforums am 10. März im Casineum Velden gemeinsam mit der Kleinen Zeitung ein klares Signal: Wirtschaft, Digitalisierung und Sicherheit rücken ins Zentrum. Nach dem umfassenden Zins- und Konjunkturausblick von Raiffeisen-Chefanalyst Gunter Deuber stehen drei kompakte Keynotes auf dem Programm.
Kerstin Plehwe: Zeit des Handelns
Die internationale Strategieberaterin und Politikanalystin Kerstin Plehwe spricht aus wirtschaftlicher Perspektive über eine Zeit des Handelns. „Europa könnte extrem stark sein, bringt aber die PS nicht auf den Boden“, sagt sie. Der Kontinent sei sich seiner eigenen Stärke nicht bewusst. Neben Strukturreformen brauche es auch Emotion – „Stolz auf Europa“. Die aktuellen Polykrisen müssten zu innerer Stärke und Geschlossenheit führen. Doch genau daran mangele es.
„Europa neu denken“ betreffe jeden Einzelnen – insbesondere die Wirtschaft, deren Rolle laut Plehwe sträflich unterschätzt werde. Zugleich ortet die deutsche Unternehmerin neue Bedrohungen: Fake News, die schleichende Entmachtung von Zahlen, Daten und Fakten sowie ein erodierendes Vertrauen in staatliche und mediale Institutionen.
Von Amerika lernen, wo es brandgefährlich ist, sei angesagt: Etwa bei der Suche nach Konsens und dem Verhindern des Auseinanderdriftens von Arm und Reich sowie Rechts und Links. Denn das seien „brutale Gefahren für die Gesellschaft“.
Harald Vodosek: Drei Dimensionen
Auch sicherheitspolitisch steht Europa vor einer Zäsur. Generalleutnant Harald Vodosek, Rüstungschef des österreichischen Bundesheeres, beleuchtet die Sicherheitslage Europas und deren wirtschaftliche Seite. Verteidigung müsse in drei Dimensionen gedacht werden, so Vodosek. Erstens die militärische Dimension, die durch den Einsatz militärischer Mittel den Schutz Österreichs zum Ziel habe. Zweitens die Sicherstellung der Leistungserbringung durch eine stabile technologische Basis und einen funktionierenden Anbietermarkt.
Die dritte Dimension sei die Sicherstellung der Finanzmittel, die sowohl den Erwerb der Einsatzmittel als auch vor allem deren Produktion gewährleiste. Dies führe „zu einer leistungsfähigen Schutz- und Verteidigungsfunktion der Streitkräfte.“ Die Wertschöpfung in Österreich und damit der Beitrag zur positiven Konjunkturentwicklung sei ein wesentlicher staatspolitischer Aspekt, so Vodosek.
Mathias Nöbauer: „Europäische Alternativen“
Lange unterschätzt wurde eine weitere sicherheitspolitische Flanke: die digitale Souveränität. Wie weit wir davon entfernt sind, wird Mathias Nöbauer, CEO von Exoscale und Director Cloud bei A1 Digital, schildern. Im Cloud-Geschäft ist Europa zu 80 Prozent von US-Giganten wie Google abhängig. Solche US-Provider fallen unter amerikanische Gesetzgebung. „Wenn US-Gerichte oder -Behörden anfragen, müssen diese auch liefern, unabhängig davon, wo sich ein Rechenzentrum befindet“, sagt Nöbauer. „Wenn wir keine digitale Kolonie bleiben wollen, müssen wir digital unabhängiger werden.“ Längst gebe es europäische Cloud-Alternativen, betont Nöbauer: „Es geht auch ohne Big Tech.“ Exoscale gehört zu A1 und betreibt acht Rechenzentren in Europa, der Ausbau ist fix. „Wir wollen eine europäische Alternative etablieren.“
Für Nöbauer steht fest: Europa muss souveräner werden – rasch und entschlossen. „Wir sprechen nicht mehr von theoretischen Bedrohungen. Wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen, müssen wir jetzt handeln.“