Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen zum sechsten Mal seit Sommer 2024 gesenkt. Der am Finanzmarkt maßgebliche Einlagensatz, den Geldhäuser erhalten, wenn sie bei der Notenbank überschüssige Gelder parken, sinkt damit von 2,75 auf 2,50 Prozent.  

Die EZB senkt nicht nur den Einlagenzins, sondern auch den Zins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der Notenbank besorgen können weiter: Statt 2,9 Prozent werden dafür nach der jüngsten Entscheidung des EZB-Rats 2,65 Prozent Zinsen fällig.

Laut EZB-Mittelung zum Zinsbeschluss habe sich die Inflation „im Wesentlichen weiterhin im Einklang mit den Erwartungen unserer Fachleute entwickelt“. Auch die jüngsten Projektionen würden „eng mit den bisherigen Inflationsaussichten übereinstimmen“. Laut Prognosen soll die Gesamtinflation 2025 in der Euro-Zone bei durchschnittlich 2,3 Prozent liegen. Für 2026 und 2027 bei zwei Prozent. In der Aufwärtsrevision der Gesamtinflation für 2025 spiegle sich indes „eine stärkere Dynamik bei den Energiepreisen wider“, heißt es seitens der Zentralbank.

Die Geldpolitik, so die EZB nach dem Zinsbeschluss, „wird spürbar weniger restriktiv, da die Zinssenkungen die Aufnahme neuer Kredite für Unternehmen und private Haushalte günstiger machen und das Kreditwachstum anzieht“.

Die Konjunktur Euro-Raum sei indes „mit anhaltenden Herausforderungen konfrontiert“. So wurden die Wachstumserwartungen neuerlich nach unten korrigiert: Auf 0,9 Prozent für 2025, 1,2 Prozent für 2026 und 1,3 Prozent für 2027. „Die Abwärtsrevisionen für 2025 und 2026 spiegeln niedrigere Exporte und anhaltend schwache Investitionen wider“, teilt man seitens der EZB mit.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde erläuterte im Anschluss an den Zinsbeschluss, dass die nach unten angepassten Wachstumserwartungen auch mit schwächeren Exportaussichten und einer hohen handelspolitischen und geopolitischen Unsicherheit zusammenhängen. Der Ausblick habe sich zuletzt noch einmal eingetrübt.

Wie geht‘s weiter?

Wie geht‘s mit den Zinsen heuer noch weiter? Lagarde bleibt hier ihrem Standard-Satz treu und betont, die EZB agiere datenabhängig und entscheide von Sitzung zu Sitzung. Der Festlegung, wonach „die Geldpolitik spürbar weniger restriktiv wird“, sei so zu verstehen, dass die bisherigen Schritte stärker berücksichtigt sind. So habe die EZB die Zinsen seit Sommer 2024 mittlerweile um 1,5 Prozentpunkte gesenkt. Lagarde betont aber auch, dass die Kreditvergabe alles in allem noch „gedämpft“ bleibe. Jüngste Daten würden aber immerhin darauf hindeuten, dass die Kreditvergabe zuletzt leicht angezogen hat. Kommt es zu einer Zinspause? Dazu äußert sich Lagarde nicht.

Die Zinsentscheidung ist ohne Gegenstimme gefallen, so Lagarde auf eine entsprechende Nachfrage. Es gab aber eine Stimmenthaltung – von Österreichs Nationalbank-Gouverneur Robert Holzmann.

Zinssatz von zwei Prozent im Jahresverlauf?

Von anderen Notenbank-Granden waren zuletzt deutlichere Worte zu vernehmen. So ließ der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau im Magazin „Alternatives Economiques“ wissen: „Vom heutigen Standpunkt aus gesehen könnten wir im kommenden Sommer bei zwei Prozent liegen.“ Damit hätte sich der Einlagenzinssatz innerhalb von einem guten Jahr mehr als halbiert. Laut einer Reuters-Umfrage unter Volkswirten wird mehrheitlich davon ausgegangen, dass die EZB noch zwei weitere Zinssenkungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte vollziehen wird – und den Zinssatz dann bis Jahresende bei zwei Prozent belässt. Doch der Ausblick wird immer unsicherer.

Denn die kontinuierlichen Zinsschritte nach unten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Währungshüter mit immensen Herausforderungen konfrontiert sind. Zwar ist Preisstabilität das einzige Mandat der EZB, doch Konjunktur und Inflation sind letztlich vielfach auch kommunizierende Gefäße. Und die Wirtschaftslage in der Euro-Zone gibt weiterhin berechtigten Anlass zur Sorge – und das mit steigender Tendenz.

Denn Donald Trumps immer vehementer vorgetragenen Zolldrohungen, 25 Prozent auf Autos und andere Waren aus der EU sowie auf Stahl und Aluminium, lassen die Alarmglocken im Dauerton schrillen. Das könnte nicht nur das ohnehin kärgliche Wachstumspflänzchen verwelken lassen, sondern auch die Inflation wieder anheizen, weil eine Spirale an Zöllen und Gegenzöllen die Preise nach oben treiben könnte.

Zollpolitik kann sich auf Preise und damit die Geldpolitik auswirken

Die Frage ist also, ob die Inflation „mitspielt“. Der Eurozonen-Durchschnitt lag laut Schnellschätzung im Februar mit 2,4 Prozent über der EZB-Zielmarke von zwei Prozent, in Österreich mit 3,3 Prozent sogar deutlich darüber. Wie es mit der Teuerungsrate in Europa weitergeht, könnte perspektivisch sehr eng mit der Zollpolitik von Trump zusammenhängen. Kommt es auch zwischen den USA und der EU zu einem Wettlauf aus Zöllen und Gegenzöllen, wie sich das zwischen den USA und China, Mexiko und Kanada bereits anbahnt, dann ist mit entsprechenden preistreibenden Effekten zu rechnen, was sich konjunkturell, aber auch auf die Inflationsrate auswirken könnte. Und damit auf die Zinspolitik.

Hinzu kommt, dass die zuletzt angekündigten zusätzlichen Staatsausgaben – vor allem für die Aufrüstung Europas – auch den Druck auf die ohnehin angespannten Staatshaushalte noch einmal erhöhen wird.

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