Zweifelsohne ist auch in Europa einiges in Bewegung gekommen, wenn es um Künstliche Intelligenz, kurz: KI, geht. Beginnen wir diese Geschichte, ein Hintergrund zum zweitägigen KI-Gipfeltreffen vieler Staats-, Regierungschefs und Branchengrößen zurzeit in Paris, mit finanziellen Aspekten.
Da gibt es einerseits das Beschwören der EU-Kommission, 54 Millionen Euro in die Entwicklung einer „Europa-KI“ zu stecken. Unternehmen, Unis und Supercomputer-Zentren sollen dabei „von Grund auf neue Sprachmodelle der nächsten Generation bauen“, wie es aus dem Projektteam heißt. Also jene Technologie, die hinter populären KI-Anwendungen wie ChatGPT steckt. Das europäische „OpenEuroLLM“ soll in 35 Sprachen gezielt trainiert werden und damit bei weniger populären Sprachen, Estnisch wird gerne als Beispiel gebracht, bessere Ergebnisse erzielen.
Geld aus Kanada und dem arabischen Raum
In Fahrt kommt, schön langsam, auch die europäische Risikokapitalseite. Dort vor allem mit Blick auf die gewaltigen Investitionssummen bei Infrastrukturprojekten wie neuen Rechenzentren. 150 Milliarden Euro wollen etwa Kapitalgeber um die deutsche Investorin Jeannette zu Fürstenberg in den nächsten Jahren in Europas KI-Szene stecken. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wiederum ließ im Vorfeld des Gipfels wissen, dass 109 Milliarden Euro aus dem Privatsektor – darunter viel Geld aus Kanada und dem arabischen Raum – in den nächsten Jahren nach Frankreich fließen werden, um dort neue Rechenzentren entstehen zu lassen.
Beeindruckende Zahlen freilich, die im Vergleich trotzdem schnell „schrumpfen“. Vor allem, wenn der Blick in Richtung USA schweift. Dort will Amazon alleine in diesem Jahr 100 Milliarden US-Dollar in Infrastruktur für KI-Anwendungen investieren. Meta wiederum plant 2025, ein „entscheidendes Jahr für KI“ (Mark Zuckerberg), ein Rechenzentrum in der Größe Manhattens. Und beim von US-Präsident Donald Trump forcierten Projekt „Stargate“ ist gar von einem Investitionsvolumen von bis zu 500 Milliarden Dollar, gerechnet für vier Jahre, die Rede, das großteils ChatGPT-Erfinder OpenAI zugutekommen wird.
Sind alle intelligenter als Europa?
Andererseits nährte zuletzt ja just die chinesische KI-Firma DeepSeek die Hoffnung, dass man zumindest im Bereich der großen und populären Sprachmodelle konkurrenzfähig sein kann, ohne hunderte Milliarden in Infrastruktur zu investieren. Wenn man etwa vorhandene Basismodelle geschickt adaptiert.
„Der DeepSeek-Schock: Sind alle intelligenter als Europa?“, fragte man sich dieser Tage passenderweise im Rahmen einer Debatte an der Grazer Karl-Franzens-Universität. „Ein Wettrüsten bei Sprachmodellen und Rechenkapazitäten ist nicht sinnvoll“, spricht Markus Fallenböck, Vizerektor und Chef des IDea_Lab, einen zentralen Standpunkt der Diskussion an. Fallenböck sieht die große Chance Europas und Österreichs eher im Blick auf Wertschöpfungsketten. „Wertschöpfung entsteht, wenn man KI-Technologie in konkrete Prozesse bringt“, sagt Fallenböck mit Blick auf die „hohe Kompetenz Europas“ in Bereichen wie industrieller Fertigung, Tourismus oder Luxusgüterindustrie. Dort gelte es KI-Technologien klug einzusetzen.
Zur Veranschaulichung zieht der Wissenschafter, der auch im österreichischen KI-Beirat sitzt, eine Analogie zur Entstehung des World Wide Web. Fallenböck: „Nicht der Erfinder des WWW wurde reich. Sondern Google oder Facebook. Also Konzerne, die auf Basis dieser Technologie spannende Geschäftsmodelle entwickelten“.
Le Chat: 1000 Wörter pro Sekunde
Zugleich betont Markus Fallenböck die Sinnhaftigkeit eines gewissen Maßes an unabhängiger KI-Infrastruktur und europäischer Grundlagenforschung. Was uns wieder zu den Unternehmungen des Kontinents führt, die im KI-Wettlauf Meter gut machen wollen.
So versucht sich etwa Sepp Hochreiter, ein in Österreich forschender KI-Vordenker, mit dem Start-up NXAI am Bau „europäischer“ Sprachlernmodelle. Und mit Mistral gibt es just ein Unternehmen aus Paris, dem Gipfelort, das mit seinen besonders schnellen Sprachmodellen punkten will. An Mistrals KI-Assistenten Le Chat kann sich dabei selbst Schnellsprecher Emmanuel Macron ein Beispiel nehmen, generiert der Chatbot zurzeit doch bis zu 1000 Wörter pro Sekunde.